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Liberales Judentum · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August 1910) · p. Seite 207

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August 1910)
Date
1910-08-01
Page
Seite 207 (sequence 39)
Language
German
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o o o o Are Nürnberger Versammlung — Vortrag von Prof. Ar» Hirsch 207 Gemüts. Der Gedanke vermag sich zu Licht- und Höhepunkten zu erheben, wo er der Form entraten kann. Nicht so das Gemüt. Ls bedarf des Sinnbildes. Und ebenso kommt der Gemeinschaft, um Gemeinsames zum Ausdruck zu bringen, gemeinsame Lrinnerungen auszulösen und auf gemeinsame Ziele hinzuweisen, das Denkzeichen sehr zu statten. Der Formen kann der religiöse Kultus nicht entbehren. Aber es kommt darauf an, daß die Form auch zum Herzen rede. Muß zur Form, zum Merkzeichen, erst ein langer Kommentar geschrieben werden über Bedeutung und Beziehung, so verfehlt sie ihren Zweck. (Bravo!) Das ist aber heutzutage bei den meisten der unter uns noch gang und gäbe seienden Zeremonien der 'Fall. Unverstanden werden sie mißverstanden. Sie verfallen dem Aberglauben. Sie fördern den Unglauben. Statt zu erheben, erniedrigen sie. Sie scheinen darauf hinzuweisen, daß das Judentum ein Fremdling ist in unsrer Welt, ein Exotisches, das den modern fühlenden Menschen nicht zu erwärmen vermag, ihn aber mit Moderdunst betäubend, ihm den Atem raubt, den klaren Blick trübt. Hier gilt es, mutvoll aufzuräumen. Hier haben wir in Amerika Wandel geschafft. Fern lag von uns die Absicht zu verletzen. Gerne anerkennen wir, daß Zeremonien, ehrlich beobachtet, manchem Halt und Stütze geboten, welcher Ln seiner Schwachheit der Krücken nicht entbehren konnte, weil aber Lahme der Krücken bedürfen, soll das ein Grund sein, daß alle sie benützen, wir, die wir davon überzeugt sind, daß alle diese Zeremonien nicht jüdischen Ursprungs sind, daß sie im wahrsten Sinne Chukkoth Hagoyim sind, (Sehr wahr!) können und sollen ihnen nicht den Schimmer leihen, welchen Romantik und Scheinheiligkeit ihnen zuschreiben. Uns widern viele von ihnen an. Sie stehen im schroffsten Gegensätze zu unserer ganzen Art zu denken und zu fühlen. Unsere innersten Gefühle auszudrücken, unsere Seelennot zu lindern, sind sie unfähig. Don den alten Symbolen haben wir die beibehalten, deren Sprache auch uns verständlich geblieben, die uns zu Nachdenken zu wecken die Kraft bewahrt haben. Das Leben ist über andere zur Tagesordnung übergegangen, was dem Tode verfallen, kann ungesunde Romantik nicht vor dem Fluche alles Abgestorbenen bewahren. wir suchen Leben in der Religion. So können die Gruft und der Schutt früheren Lebens uns nicht Mittler sein des lebendig strebenden Gedankens. Das trifft auch zu auf die Sprache des Gottesdienstes, wir wissen unsrer Väter Sprache zu schätzen, als das Idiom, in welchem die Bibel zum überwiegend größten Teile verfaßt ist. Dennoch ist das Hebräische nicht mehr unserer Herzen Sprache. Selbst für diejenigen unter uns, welche ihren Wortschatz beherrschen, ist sie zur Kunstsprache geworden. Lrgreifen uns die tieferen Schauer, welche aus dem Urgründe unsrer Seelenerlebnisse nach Laut und Wort ringen, dann legen sich auf unsere Lippen nicht die Worte, in welchen unsere Voreltern in Palästina oder Babylon gesungen oder gestöhnt, gejubelt oder geklagt, sondern die Töne klingen an und aus, in welchen unsere Mutter zu uns vor Jahren einstens redete und uns das Wiegenlied sang. (Bravo!) Und diese Muttersprache, sie ist's, in welcher wir heute beten müssen, soll unser Gebet nicht eitel Lippenwer? bleiben. Zwar können — und so haben wir es in Amerika gehalten — einzelne Gebetstücke der alten Liturgie entnommen, als Wahrzeichen der Zusammengehörigkeit Israels, wenn in alter Sprache beim Gottesdienste rezitiert, uns ebenso ergreifen und packen, wie sie unsere Lltern durchschauert haben. Das Sch’ma, die Kedduschah, dürften kaum in andrer Fassung und Gewandung als der traditionellen das

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