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Liberales Judentum · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August 1910) · p. Seite 206

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August 1910)
Date
1910-08-01
Page
Seite 206 (sequence 38)
Language
German
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206 Air Nürnberger Versammlung — Vortrag von Prof. Ar. Hirsch o o o o rabbinische Tradition war lange eine fließende. Dies hat uns Frankel gezeigt. Doch er und seine Schule machen Halt vor dem Pentateuch. Wir aber versuchen auch das Entstehen der Bibel zu verstehen, indem wir den Spuren einer allmählichen Entwickelung nachforschen. So leuchtet uns 'die Bibel in neuem dichte. Sie ward uns nicht von Vben oder Außen. Sie ward uns und unser von Innen. Die Geschichte der Hebräer auf ihrem Werdegange zu Juden kündet uns die Bibel. Sie zeigt uns den Geist dieses Volkes auf den Höhenzügen, welche die Propheten und f) salmdichter erstiegen. Geist aus unserem Geiste ist die prophetische Vorausahnung einer in Gott geeinten, durch Sittlichkeit geweihten Menschheit. Die Verwirklichung dieser Vision anzustreben, ist unsere Aufgabe. Den Kern des Judentums von der Schale zu sondern, auch das lehrt uns die Entwickelungsgeschichte der Religionsgebräuche. Nicht in den Speise- und anderen Zeremonialgesetzen liegt das Unterscheidende des Judentums. Alle Völker übten einst ähnliche Gebräuche, welche sie als von der Gottheit gefordert betrachteten. Ihre Priester waren Beschränkungen in Betreff xriesterlicher Reinheit unterworfen, die jenen ähneln, welche wir in Cemtifus finden. Maimonides erkennt dies an, soweit die Mxfer in Betracht kommen. So war das Zeremonielle nicht das Unterscheidende. Im Gegenteil. Daß die Propheten auf zeremonielle Frömmigkeit keinen Wert legten, Gerechtigkeit und sittliche Reinheit über das Rituelle stellten, das war und ist das dem Judentums Eigentümliche; das Ureigne unserer Religion. (Sehr gut!) Für dies Ureigne nun tritt das amerikanische liberale Judentum mit Nachdruck ein. Deshalb nennt es sich mit Vorliebe prophetisches Judentum. Die Propheten, diese Männer der Begeisterung, sie waren die Entdecker und die Verkünder einer neuen Bewertung der sittlichen Persönlichkeit des Menschen, von der sittlichen Würde des Menschen als Ebenbild Gottes, von der sittlichen Verantwortlichkeit des einen Menschen für jeden anderen. In ihrem Gottschauen spiegelt sich ihr Menscherkennen und -würdigen. Aus ihrem Gottbewußtsein schöpften sie ihr Menschbewußtsein. Diese Grundtöne ihrer Verkündigung sind die nie verhallten Akkorde jüdischer Lebens- und Welterfassung. In ihnen kommt zu Wort, das was Judentum über alle anderen Religionen erhebt, das ewige Ahnen vom Ewigen, welches Menschenbrust erfüllt, das aber im Judentum zur Tat geworden ist und in ihm immer von Neuem zur Tat werden muß. Dies ist's, was die Propheten mit Feuerzungen verkünden. In ihrem Künden haben wir das Wesen des Judentums. Nicht Babel und nicht Egypten, nicht Athen und nicht Rom, nicht Europa und nicht Amerika haben der Welt diese Runde, diesen Gedanken von der Einheit Gottes und der darausfolgenden Einheit des Menschengeschlechtes und der sittlichen Würde und Persönlichkeit des Menschen geschenkt. Jerusalem war seiner wiege Stätte. Das prophetische Judentum steht und fällt mit diesem Gedanken. Für ihn haben unsere Vorfahren gerungen; zahllose Geschlechter haben gestritten und gelitten für ihn. In seinem Dienste stehen wir heute noch, denn noch ist das hohe Ziel nicht erreicht. Das Ideal ist noch nicht verwirklicht. So fassen wir freisinnige Juden Amerikas unser Judentum auf. So streben wir es zu betätigen. Nicht Formeldienst ist es für uns. Liebe und Gerechtigkeit fordert es von uns. Bei aller Betonung des antinomistischen Standpunktes, den wir — was nicht oft genug hervorgehoben werden kann — insbesondere als das Zerrbild vom wesen des Judentums, welches seit Paulus sein Unwesen in christlich-theologischen Kreisen treibt, entschieden ablehnen, sind wir nicht blind gegen die Ansprüche des menschlichen

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