Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1910)
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 205 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Air Nürnberger Versammlung — Uortrag von Prof. Ar. Hirsch 205 das walten und werden der Kräfte, die im großen Getriebe des Weltalls sich betätigen, verdolmetscht hat. Nun steht aber im Mittelpunkte modernen Denkens der große Gedanke „Entwickelung". Dieser Gedanke hat uns das Weltall neu entziffert. Die Schilderungen, die einstens alte Völker vom Schöpfungsgange verfaßt, sind heute entwertet, sollten sie auch in heiligen Büchern gleichsam als Eingangstor den Selbstbekenntnissen des die Literatur schaffenden Volksgeistes vorangesetzt sein. Nicht was sie lehren, sondern wie sie lehren, ist für uns das wichtige, das wahre. Wir haben uns entwöhnt, einem siebenfach wiederholten göttlichen Werderuf nachzulauschen, wenn wir die Sterne und die Steine befragen über ihre Kindheit, ihre Herkunft, ihren Werdegang. Uns ist der Gedanke viel ergreifender und bezeugt uns den Wunderinhalt der Schöpfung, welche sich stets verjüngt und erneuert, in größerem Maße, daß das All noch nicht vollendet, daß aus| Niedrigerem Höheres entsprossen, daß Eines aus Anderem und für Anderes geworden, als jener andere, demgemäß auf göttlichen Werderuf in gewissen Abständen wiederholt, alles was ist, entstanden ist. Des Menschen Adel hängt nicht ab von der Glaubwürdigkeit alter Mythen, dem naturwissenschaftlichem Werte alter Dichtungen. Auch Religion und Judentum speziell bleiben unberührt von der Wertschätzung der ersten Kapitel der Genesis als naturwissenwissenschaftliche Abhandlungen. Daß der Mensch sich über das Tier erhoben, stellt an ihn die Anforderung, eingedenk zu sein seiner höheren Ziele. Somit gähnt keine Kluft zwischen dem Entwickelungsgedanken und 'dem, welcher in dem Glauben an Offenbarung Ausdruck gefunden hat. Uns sprach Gott nicht einst, er spricht heute noch sein „Ich bin". In der Weltgeschichte wie im Werdegange der Welten vernehmen wir seine Stimme. Immer klarer hat der fortschreitende Geist im Menschen jene Stimme zu deuten gelernt, wie in der Natur, so geht im Geistigen „der Pfafc des Lebens aufwärts". Propheten — wie kann man nicht erklären — haben tiefere Einsicht in das wollen des Göttlichen. Sie eilen Zeiten und Geschlechtern voran. Und auch ganzen Volksgemeinden wird besonderer Beruf und Begabung, in schöpferischem Maße, mehr als anderen verliehen. Die Geschichte der Entwickelung des Geistes, der in den Völkern webt, hat dieses uns klar gezeigt. Dem Stamme Israels ward Begabung zu teil, welche in seinen größten Söhnen zur Begeisterung für Gott und Menschentum, für Recht und Sittlichkeit als Gottesdienst sich entflammte. Und dieser Welt- und Lebensauffassung, von seinen Größten verkündet, zu leben, ward der Beruf dieses Teils der Menschenfamilie. So begründet viel ttefer als die alte Ansicht die neue den uns als Grundlage teuren Gedanken an unsre uns gewordene Aufgabe. Das freisinnige Judentum in Amerika hat sich nicht gescheut, den Entwickelungsgedanken an alles Jüdische, an Bibel und Talmud, an Sitte und Brauch, zu legen; mittelst seiner die Entstehung des Buches oder des Brauches zu verfolgen. Wir waren nicht die Ersten, welche diese Methode anwendeten. Soweit es den Talmud betraf und sich auf das wissenschaftliche Forschen beschränkte, sind uns die Vermittelungstheologen, die Koryphäen der Breslauer Schule, zuvorgekommen. Zum großen Aergernis der Starr-Orthodoxen hat Frankel und neben und nach ihm andere es uns bewiesen, daß der Talmud nicht gleichzeitig mit dem Pentateuch vom Himmel herniedergestiegen ist. Langsam allmählich hat das Rabbinische Gesetz sich entwickelt und Gestaltung erhalten. Manch Früheres wurde durch Späteres ersetzt, anderes von Späteren falsch gedeutet. In der offiziellen Festlegung des „Gesetzes" wird oft die frühere abweichende Gepflogenheit übersehen. Die