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Liberales Judentum · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August 1910) · p. Seite 204

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August 1910)
Date
1910-08-01
Page
Seite 204 (sequence 36)
Language
German
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204 o o o o Air Nürnberger Versammlung — Vortrag von Prof. Ar. Hirsch Folgerichtigkeit und durch 'Abstreifen und Abweisen all und jedweden ins Mythologische streifenden Zuges von vermenschlichen des Göttlichen nicht allein auf historische Priorität, sondern auch auf philosophische Bedeutsamkeit Anspruch erheben kann und muß? Nicht aus dem Judentums austreten, sondern tiefer in es eindringen will das liberale Judentum. Diesem Wollen ist das amerikanische freisinnige Judentum vom ersten Tage seines Seins treu geblieben. Daß es von diesem Wollen beseelt ist, das verdankt es vor allem dem Wirken und den lehren jener großen Führer, welche in Deutschland ausgebildet, nach drüben den Geist deutscher Wissenschaft verpflanzten und ihn nutzbar machten für die freie Ausgestaltung und den weiteren Ausbau echt jüdischen Geistesgutes, von diesen Männern sei es mir gestattet einen heute mit Namen zu nennen, da vor Kurzem sein hundertjähriger Geburtstag die amerikanische Iudenheit gemahnt an seine großen Verdienste, wie Dieser Tage Abraham Geigers Zentenarfeier die deutsche Iudenheit und mit ihr alle, welche den Wert seines Lebenswerkes zu schätzen vermochten, und überdies seine Wiege nicht weit von hier gestanden, David Ginhorn. David Ginhorn und die, welche sich um ihn scharten, drückten dem amerikanischen Liberalismus das bejahende Gepräge auf. Für jene Art von Freisinn, welcher sich in Verneinungen erschöpft, welcher nicht Mitarbeiten will an der Verbreitung und Vertiefung grundlegender Gedanken, welcher sich mit dem Lossagen von Gebräuchen für die eigne Person brüstet und gleichgiltig zusieht, wie das Alte verwittert, ohne daß Neues sich zum Lichte emxorringen kann, weil Gesträuch und Gestrüpp und Trümmerhaufen und Schutt ihm Luft und Weg versperren, haben wir in Amerika wenig übrig. Wo das Alte fällt, da bestreben wir uns Neues zu schaffen. Zn gemeinsamer Arbeit, nicht in hochmütiger Vereinzelung und Absonderung, welche nur dem Indifferentismus Vorschub leisten, bestreben wir uns, das was wir wissenschaftlich als wahr erkannt haben im Leben auch durch die Tat zu Tage treten zu lassen. Unser Freisinn ist nicht eine vom Augenblicke eingegebene Laune. Gr ist getragen von Ueberzeugungen, welche in wissenschaftlicher Erkenntnis ihre Begründung gefunden haben. Wir sind nicht Anhänger des selbstgenügsamen laisser taire. Wir sind nicht bereit als Zuschauer untätig jenem Prozesse der Selbstzersetzung zuzusehen, welchen man auch als den Zustand jenes untauglichen Gpfertieres, das „weiden soll bis es zu Schaden kommt" bezeichnen kann. Mögen immer unsere verkenner und Verketzerer uns als solche beargwöhnen, welche mit dem Thristentume liebäuglen, dem Christentum e viel naher steht die Auffassung vom Judentums, die sich die orthodoxe nennt, als die unsrige. Wer hat denn unserer Religion den Charakter eines starren Gesetzes zugelegt, wenn nicht vor Allen Paulus? Ist nicht das sogenannte gesetzestreue Judentum heute das gehätschelte Schoßkind der protestantischen Theologen, welche wohl wissen, daß das freisinnige Judentum ihren Theorien vom Wesen des Judentums den Boden abgräbt? (Sehr richtig!) Daß Judentum Religion, nicht ein in Formelkram verkümmertes Gesetz ist, das haben uns Wissenschaft und Forschung sowohl in dem inneren Gebiete des jüdischen Schrifttumes als in dem weiteren der allgemeinen Religionsgeschichte und der vergleichenden Religionskunde zur unumstößlichen Gewißheit erhoben. Wir erstreben den Ausgleich zwischen Wissenschaft und Leben. Modern denkende Menschen, können wir der Wissenschaft Leuchte nicht entraten, wenn wir ins Allerheiligste eintreten. Auch unsere Seele will die Sprache sprechen, welche unserem Geiste

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