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Liberales Judentum · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August 1910) · p. Seite 203

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August 1910)
Date
1910-08-01
Page
Seite 203 (sequence 35)
Language
German
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o o o o Me Nürnberger Versammlung — Uortrag von Prof. Ar. Hirsch 203 geborgenen Geiftesschätzen, vertieft, führte die freisinnigen Juden Amerikas zum Judentum, zeigte ihnen den weg zu der Quelle, welche propheteng eist einstens dem Felsgesteine falscher Anschauungen enttrotzt hatte, und welcher frisch und klar für alle Geschlechter die Wasser des Lebens entströmen. Die Geschichte des amerikanischen freisinnigen Judentums ist von Bedeutung für das gesamte liberale Judentum nicht zum Mindesten, weil in ihr die landläufige Verdächtigung unserer Ziele glänzend widerlegt ist, als ob Abfall vom und Austritt aus dem Judentum die treibende Kraft unserer Bestrebungen wäre. Im amerikanischen liberalen Judentums weiß man nichts von Abfall. Wer uns Verrat vom Judentum als Motiv unseres Tuns unterschiebt, kennt weder unsere Gesinnung noch die Verhältnisse unseres Landes. Uns der Religion der Mehrheit zu nähern, um Ansehen und Ginfluß im öffentlichen Leben zu gewinnen, liegt uns .fern. Der Ausbau unserer religiösen Institutionen, die Opferfreudigkeit von Tausenden und abermals Tausenden, welche aus eignem Antriebe zu deren Erhaltung beitragen, beweisen zur Genüge, daß wir frei sind von der feigen Sucht, den Uebertritt zum Lhristentume zu erleichtern oder ihm vorzuarbeiten. Weit entfernt davon auflösend oder zerstörend zu wirken, hat der Freisinn im Judentum sich drüben als das erhaltende Element bewährt, und das im wahrsten Sinne und weitestem Umfange. Aus freier Entschließung der Zugehörigen sind unsere Gemeinden entstanden. Aus freiwilligen Spenden ihrer Mitglieder werden sie erhalten. In unserem Lande besteht kein Steuerzwang, kraft dessen von staatlichen Behörden die Gebühren und Umlagen für kirchliche Zwecke von den Bekennern der jeweilig in Betracht kommenden Konfessionen eingetrieben werden könnten. Kirchen und Synagogen sind Privatinstitutionen. Gezwungen zu deren Erhaltung beizutragen oder ihnen als Mitglied beizutreten kann Niemand werden. Was hätte also diejenigen bestimmen können, Synagogen und Schulen zu gründen, welche die Absicht hegten — wie man behauptet — aus dem Judentums auszutreten? Der Zutritt zur Kirche ist drüben Niemandem verwehrt. Der Austritt aus dem Judentums ist nicht bedingt durch eine förmliche Erklärung. War das nicht ein etwas seltsames Mittel, zu dem sie griffen, um dem Judentum zu entlaufen, als die freisinnigen Juden Amerikas Prachtsynagogen bauten und sich selbst schwer besteuerten, um Lehrer zu besolden und Kultus und Religionsschülen glänzend auszustatten? Und wer da weiß, daß es heute die Enkel der Männer sind, welche als Eingewanderte den Grundstein legten zum Bau unserer, der freien Auffassung des Judentums und seiner freien Ausgestaltung geweihten Lehrkanzeln und Gotteshäuser, die alle Lasten gerne tragen, welche ihre Zugehörigkeit zum Judentums ihnen auferlegt, der wird nicht lange darüber im Zweifel bleiben, wie verkehrt wir zu Werke gegangen als wir dem Uebertritt zun^ Lhristentume, wie unsere Gegner behaupten, die Wege bahnen wollten!! In Amerika hat sich unser liberales Judentum wirksam behauptet, sogar dem Locken und Werben des undogmatischen Thristentums gegenüber. Zur hohen Blüte hat sich bei uns auch das freisinnige Christentum entfaltet. Wären wir von dem Triebe geleitet, das Judentum von uns abzustreifen, diese liberalen Kirchengemeinden böten uns Gelegenheit, ohne Taufe unser Vorhaben auszuführen. Daß wir unsere eignen Synagogen erbaut und ihnen treu ergeben sind, beweist dies nicht zur Genüge, daß es uns gelungen ist, Sinn und Verständnis zu wecken für jüdische Lebens- und Weltanschauung, welche selbst dem freien Thristentume gegenüber durch größere Klarheit und

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