Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1910)
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 202 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Me Nürnberger Versammlung — Vortrag von Prof. Ar. Hirsch o o o o wiegenden Anzahl meiner liberalen Amtskollegen (Sehr richtig!), mit denen ich mich freilich auch darin eins weiß, daß wir, wenn auch nicht immer unsere persönliche Lebensführung, so doch allezeit unsere Gesinnungen, unsere Amtstätigkeit und nicht zuletzt unsere wissenschaftliche Arbeit in den Dienst der liberalen Auffassung des Judentums stellen werden. Ist diese doch nach unserer aller Ueberzeugung die allein berechtigte Auffassung unserer Religion, diejenige, die von den Propheten bis zu Hillel, und von Hillel bis zu Maimonides und von Maimonides bis zu Abraham Geiger das Wesen unseres Glaubens nicht in den Aeußerlichkeiten, die, so notwendig sie sind, doch immer der Entwicklung unterstehen, sondern in seinen unvergänglichen und unvergleichlichen sittlich-religiösen Grundsätzen und Lebensforderungen erblickt hat. Diesem unvergänglichen und unvergleichlichen Inhalt in allen Kreisen unserer Glaubensgemeinschaft Eingang zu verschaffen, ist die höchste liberale Idee, die wir besitzen. Ihrer positiven Verwirklichung wollen wir gern und freudig einmütig unsere Kräfte weihen! (Lebhafter, anhaltender Beifall.) Vorsitzend er. Sie haben durch Ihren Beifall dem Herrn Redner den Dank ausgesprochen. So klar wie er seine Anschauung auseinandergesetzt hat, so herzlich wie er es mit seinen Kollegen und mit uns allen gemeint hat, so ernst werden auch seine Bestrebungen von den Gegnern anerkannt werden müssen. Und Jedermann muß zustimmen, wenn ich sage: das war ein Mann, der seine feste Ueberzeugung zum Ausdruck gebracht hat. Unser Gast, Herr Prof. Dr. Hirsch, hat das Wort, der uns einiges von der liberalen Bewegung in Amerika erzählen wird. Aus dem Bilde der Fremde können wir lernen. Pcsf. M. Hirsch-Chicago. Meine Damen und Herren! Das liberale Judentum Amerikas ist deutscher Geburt und deutschen Geistes. Der Samen wurde ausgestreut und die aufkeimende Saat gewartet und gepflegt von einzelnen bedeutenden Männern, welche bereits im alten Vaterlande Amt und würde bekleidet hatten. Sie waren Gesinnungs- und Kampfgenossen Abraham Geigers, Führer, die regen Anteil hatten an den Beratungen und Beschlüssen der in Deutschland in Vergessenheit — so scheint es mir — geratenen aber drüben im jungen Lande der aufstrebenden Freiheit stets von Neuem bedachten großen Rabbinerversammlungen der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. In ihrem Geburtslande konnten diese leitenden Geister nicht durchdringen. Für die Verwirklichung ihrer hohen Ideale bot ihnen Hoffnung und Wirkungskreis die neue Welt. Drüben jenseits des Weltmeeres harrte ihrer jungfräulicher Boden, welcher gerne aufnahm das von Deutschland hinübergebrachte Saatkorn und mit reicher Ernte lohnte die Mühe derer, welche den frischen Acker gepflügt und bearbeitet, der tiefen Scholle herrliche Blüte entlockt hatten. Drüben hat sich das freisinnige Judentum entfaltet wie nirgend anderswo. Und es vermochte sich zu betätigen, ohne hemmenden Zwang und beengende Rücksichten, da, ungleich der Lage im alten Heimatlande, im neuen seiner Entwickelung und Gestaltung weder geschichtlich überkommene und übernommene noch gesetzlich und staatlich bestimmte und hindernde Schranken in den weg traten. Keine Bleigewichte, alten Verhältnissen entnommen, hafteten sich an seine Schwingen. Seiner ihm innewohnenden Flugkraft wurden keine Fesseln geschmiedet. Freie Wahl bestimmte dessen Flugbahn. Ueberzeugung, in freiem Denken errungen und immer von Neuem durch Forschen in den in der jüdischen Literatur