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Liberales Judentum · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August 1910) · p. Seite 201

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August 1910)
Date
1910-08-01
Page
Seite 201 (sequence 33)
Language
German
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o o 0 o Are Nürnberger Versammlung — Vortrag non Ar. Frrudrnthal 201 der heutigen bürgerlichen und rechtlichen Verhältnisse seine vermittelnde und versöhnende Entscheidung zu treffen hat. (Bravo!) Auf allen diesen Gebieten seiner seelsorgerischen Amtstätigkeit hat für ihn das Wort des Talmuds zu gelten: „Für deine Person magst du es ernst und streng und schwer nehmen, aber für die Gesamtheit mußt du erleichtern!" Und dieses Wort möchte ich denn auch noch auf das letzte praktische Gebiet anwenden, auf dem der liberale Rabbiner außer den genannten der Schule, der Ranzel und der Seelsorge sich zu bewähren hat, nämlich auf seine persönliche religiöse Lebensführung. Auch auf diesem Gebiet darf es an positiven religiösen Ordnungen und positiven religiösen Wirkungen rächt fehlen, und wie ich schon zu Anfang meiner Ausführungen angedeutet habe, darf man deshalb dem liberalen Rabbiner persönlich nicht ein rücksichtsloses Ueberbordwerfen aller für das füdisch - religiöse Leben üblichen Formen zumuten, noch viel weniger dieses Mehr oder Minder der persönlichen Religiosität zum Maßstab seiner ehrlichen liberalen Anschauungen nehmen. „Magst du es für dich persönlich ernst und streng und schwer nehmen, für die Gesamtheit mußt du erleichtern," dieses vorhin zitierte Wort des Talmuds finden sich in ihm noch m einer schärferen Fassung: „wenn ich für die anderen erleichtere, für mich erschwere ich." Ich gestehe offen, daß ich diese Anschauung in gewissem Sinne billige. Natürlich nicht etwa, als ob der liberale Rabbiner alle Entstellungen des religiösen Lebens und Wesens selber mitmachen müßte, nur darum, weil sie kodifiziert sind; im Gegenteil, sind es Entstellungen, so hat er sie auf's entschiedenste zu bekämpfen und auch von sich selber mit ehrlichem Mute abweisen. Aber vergessen wir nicht, es gibt bei uns in Deutschland gewisse Imponderabilien des religiösen Lebens, die mit der rabbinischen Stellung als solcher unzertrennlich verknüpft sind, und die darum, solange sie nicht durch die fortschreitende liberale Bewegung endgültig aus dem allgemeinen Anschauungsgute hinausgehoben sind, von dem Rabbiner ohne Schaden für seine Stellung nicht übertreten werden können. Es ist hier nicht der Grt, diese Imponderabilien einzeln aufzuführen, zumal ja nach der subjektiven Anschauung des Einzelnen und nach dem jeweiligen Gesamtbild seiner Gemeinde ihr Rreis ein engerer oder weiterer fein wird. Aber sie sind da, und mag auch'der liberale Rabbiner die Verquickung solcher Vorschriften, wie ich sie im Auge habe mit der Religion bedauern, und mag er auch die Abstellung dieser Verquickung als eine unumgängliche Aufgabe der liberalen Bewegung ansehen, so hat er doch diese Imponderabilien seines Amtes zu mindesten —' nicht etwa aus Rlugheit, wie vielleicht manche unter Ihnen denken würden —, sondern aus Takt zu halten, zumal wenn er, selbst in einer ausgesprochen liberalen Gemeinde amtiert, doch alle möglichen religiösen Mischungen und Schattierungen vor sich hat, die ohne Unterschied von ihm religiöse Wirkungen erwarten. Er kann sie nicht gewähren, wenn nicht die eine wie die andere Seite den Eindruck von ihm gewinnt, daß er ebensosehr denunerschrockenenMut liberaler Gesinnung, wie den unerschütterlichen Ern st religiöser Lebensführung harmonisch in sich zu vereinen weiß. (Bravo!) Ich setze voraus, daß diese meine Meinung bei manchem nichttheologischen Mitglied unserer Vereinigung auf Widerspruch stoßen wird. Dafür stimmt sie aber — und ich glaube mich darin nicht zu täuschen — umsomehr überein mit den Anschauungen der weitüber-

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