Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1910)
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 198 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Are Nürnberger Versammlung — Vortrag von Ar. Freudenthal liche Vergehen sind, die sich gegen die das eigentliche Wesen unserer Religion ausmachenden sittlichen Forderungen richten. (Bravo!) Die Zeremonien selber wird freilich auch der liberale Rabbiner nicht in Bausch und Bogen verdammen oder völlig bei Seite setzen,. <£r wird ihren historischen Charakter, ihre geschichtliche Entwicklung aufweisen, er wird zeigen, wie sie für die ewigen Glaubenswahrheiten notwendig sind; wie jede Zeit die ihr entsprechenden Formen geschaffen hat und schaffen darf, ja sogar schaffen muß, weil keine Zeit dieser äußeren religiösen Formen entbehren und entraten kann. So kann z. B. keine Zeit religiös zu heiligender Ruhe- und Festtage entbehren, und es ist Pflicht des liberalen Rabbiners, seine Schüler zur Heiligung dieser Zeiten anzufeuern, freilich auch seine Pflicht, mit ihnen verständig zu überlegen, wie es möglich sei, selbst unter den erschwerten Lebensverhältnissen Stunden zu solcher weihe und Ruhe sowohl im Hause, wie auch im Gottesdienst zu finden, nicht aber durch schroffe Urteile und rücksichtslose Forderungen die Gegensätze zwischen der Theorie im Unterricht und der Praxis des Lebens, welche die Rinder draußen erblicken, und gegen die wir doch nun einmal nicht blind sein können, noch zu verschärfen, statt abzumildern. (Bravo!) Ganz ähnlich hat sich der Rabbiner an einer anderen wichtigen Stätte seiner Tätigkeit zu verhalten; nämlich auf der Ranzel. Er darf auch hier sein Gewissen nicht damit für salviert halten, daß er eine Forderung von hoher Stelle aus verkündet hat, obwohl er ganz gut weiß, daß die Durchs ührunginderheutigenZeit, einfach ausgoschlo ssen ist. Damit kann er ebenso wenig positive religiöse Wirkungen erzielen, wie wenn er in's andere Extrem verfällt und sich als bloßen Uloralprediger geriert. Er ist Rabbiner, Prediger des Judentums, und dieses ist weder eine Religion der toten Vergangenheit, noch viel weniger — eine farblose ethische oder freireligiöse Vereinigung. (Sehr richtig!) Das Judentum ist vielmehr eine geschichtliche Religion, d. h. eine solche Religion, die mit einem bestimmten unveräußerlichen Schatz religiöser Anschauungen der Menschheit auf ihren Entwicklungsstufen folgen muß, und es ist zugleich eine Volksreligion, die nicht bloß den Spekulationen einiger gebildeter oder gar eingebildeter philosoxhenköpfe zu dienen, sondern vielmehr die Bedürfnisse einer großen Gesamtheit von Menschen aller Schichten und aller Berufe zu befriedigen hat. Aber gerade von diesen Gesichtspunkten aus kann der liberale Rabbiner seine Ranzeltätigkeit auf einen Ton stimmen, der weder zu farblos noch zu schrill klingt und kann so wieder zugleich positives fordern und positives wirken. Aus dem geschichtlichen Charakter des Judentums heraus hat er dessen grundlegende Anschauungen — aber nur diese — als unentbehrlich und unabänderlich von seinen Hörern zu fordern. Und will er andererseits den Bedürfnissen des Volkes gerecht werden, so kann er dessen Lebensbedürfnisse am allerwenigsten ausschalten. Der Satz: „Unsere Religion ist und will eine Religion des Lebens.sein," stellt den eigentlichen Rernsatz aller liberalen Ranzelreden dar, unerschöpflich in seiner Auslegung, Huell und Maß aller Forderungen der Religion an das Leben wie auch des Lebens an die Religion. Daß der Gottesdienst selber, den ein liberaler Rabbiner zu leiten hat, ein solch lebendiges religiöses Gepräge tragen muß, das ist etwas Selbstverständliches, und alle dem, was dazu verhilft, den Gottesdienst zu einem eindringliche weihevollen zu ^gestalten, die lebendige Anteilnahme am