Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1910)
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 197 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Mie Nürnberger Versammlung — Vortrag von Ar. Freudenthai 197 -auch in unserem eigenen Lager, natürlich in etwas anderer Farm, gewöhnlich in die Behauptung gekleidet, daß nur der ein wahrhaft liberaler Rabbiner sei, der in seiner Amtstätigkeit, wie in seiner persönlichen Lebensführung nun einmal gründlich mit allem Ueberkommenen und Ueberlebten breche und nicht anders denke, handle und lebe wie jedes seiner liberalen Gemeindemitglieder. Rkir erscheint jene, wie diese Anschauung vom liberalen Rabbiner als ein Vorurteil, das entschieden bekämpft werden muß. Auch der liberale Rabbiner ist vor allem Rabbiner und, wie jeder geistliche Führer, welcher Richtung auch immer, dazu berufen, positive religiöse Forderungen zu stellen und positive religiöse Wirkungen zu erzielen. Ich will nicht bloß Geigers Geist, sondern auch seine Worte zitieren, die er an seinen Freund Ullmann in Koblenz im Jahre 1(83]( schrieb: „Der Geistliche hat sowohl in der Kirche wie in der Schule immer positiv zu wirken, d. h. richtige Einsichten zu verbreiten, Wahrheiten gangbar zu machen und den Sinn der Juden aufzuklären, ohne hiermit das negative Prinzip zu verbinden, d. h. ohne zerstören zu wollen." Ja, ich meine, dem liberalen Rabbiner obliegt solche heilige Pflicht ganz besonders, weil doch seine gesamte Anschauungsweise darauf hinausläuft, daß LehreundLeben keine Widersprüche zu sein brauchen, sich vielmehr vereinigen lassen, daß auch in unseren heutigen ungünstigen religiösen Verhältnissen religiöse Wirkungen sich erzielen, daß auch im Zeitalter des Materialismus und Indifferentismus religiöse Empfindungen sich auslösen, daß auch unter Anpassung an die. modernsten Lebensansprüche religiöse Lebensgewohnheiten sich durchführen lassen, w e n n m a n nur den Begriff der Religion im «allgemeinen und das Wesen des Judentums im Besonderen richtig erfaßt und verständig darstellt. In der Tat, nicht etwa aus Bequemlichkeit vertritt der liberale Rabbiner bei dieser Erfassung und Klarstellung seines Glaubens den liberalen Standpunkt. Es ist nach meiner Ansicht weit bequemer, dem non possumus des vom modernen Leben gehetzten Menschen das non possumus der religiösen Tradition entgegenzustellen, ohne sich um die Folgen zu kümmern, die daraus entstehen. (Sehr richtig!) Der liberale Rabbiner will und m u ß den Versuch machen, ob nicht über dieses doppelte Ablehnen hinaus Religion und Leben sich doch 'die Lsände reichen können, und seine wissenschaftliche Erkenntnis muß ihm die Brücke bauen helfen, welche die scheinbar getrennten Gebiete miteinander verbindet und auf beiden Seiten einen gedeihlichen Anbau gestattet. Solches Anbauen und Anpflanzen hat ntun der liberale Rabbiner vor allem im Unterricht zu leisten. Es kann nie und nimmer davon die Rede sein, daß in seinem Unterricht irgendwelche die Religion zersetzende Elemente hineingetragen werden oder gar daß der Indifferentismus irgend eine Förderung durch ihn erfahren dürfte. Im Gegenteil, an die ihm zum religiösen Unterricht anvertraute Jugend hat er positive Forderungen mit allem Nachdruck zu stellen, hat in ihren Ls erzen die stärksten religiösen Wirkungen — mit Aufbietung seiner ganzen Kunst und seiner ganzen Persönlichkeit hervorzurufen und hat seine Schüler mit allem sittlichen Ernst zu unverbrüchlich freuen Bekennern seines Glaubens zu erziehen. Und e r gerade kann Abfall und Irrreligiösität umso schärfer abwehren, als er ja betonen darf, daß ein Zerfall mit den Zeremonien des Judentums noch keinen Zerfall mit dem Judentum selber bedeutet (Bravo!), daß also Abfall und Irreligiosität in erster Reihe sitt-