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Liberales Judentum · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August 1910) · p. Seite 196

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August 1910)
Date
1910-08-01
Page
Seite 196 (sequence 28)
Language
German
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196 Are Nürnberger Versammlung — Vortrag von Ar. Freudenthal reichlichen Amtstätigkeit auch noch das Feld der Wissenschaft mit anbauen zu helfen. Aber für unsere liberale Bewegung brauchen wir nicht so sehr streng wissenschaftliche Darstellungen, als vielmehr Popularisierungen der längst vorliegenden wissenschaftlichen Ergebnisse. Die liberale Bewegung im Judentum ist doch wahrhaft nichts Neues, sondern ein unausbleiblich gewordenes, kräftiges Medereinsetzen derjenigen Auffassung unserer Religion, die längst in unserer Glaubens-Gemeinschaft den Sieg davon getragen hat, so sehr, daß selbst ihre Gegner vielfach mitgerissen wurden und so manchem Aufnahme gewähren mußten, was sie früher verpönt und verdammt hatten. Reine Bewegung darf aber auf ihrem Siegesfeld stehen bleiben, am allerwenigsten eine solche, deren Prinzip ständiges Fortschreiten, unaufhörliches mit der Menschheit Weiterarbeiten bedeutet, und die mit jedem langen Beharren dieses und sich selbst ins Gegenteil umsetzen würde, wir haben also auch hier weiterzuarbeiten, die wissenschaftliche Grundlegung nicht erst neu zu schaffen, sondern fortzuführen, und ein gut Teil dieser Fortführung ist Popularisierung des bereits gewonnenen Materials. Rommt es doch so oft vor, daß Fragen, die schon längst in der lVissenschaft dargetan und abgetan sind, von einem Nichtkenner als dringender Erledigung bedürftig bezeichnet werden, meist darum, weil die Beharrlichkeit der Gegner - sie immer wieder von neuem zu einem angeblich gewichtigen und bedeutsamen Streitpunkt stempelt, Hier mitzuarbeiten, daß erst einmal die Anschauungen unter uns Juden klar und gefestigt werden — und die Reform der Anschauungen ist immer wichtiger gewesen als die der äußeren Formen —, ist Pflicht jedes wahrhaft liberalen Rabbiners, eine Pflicht, der jeder Nachkommen kann, auch wenn er zu streng wissenschaftlicher Arbeit nicht Talent joder Muße sein eigen nennt. Von weittragendster Bedeutung für die allgemeine Klärung und Festigung der liberalen Anschauungen ist nun aber die praktische Arbeit des Rabbiners, die Verwirklichung seiner eigenen religiösen und wissenschaftlichen Auffassung in seiner Amtstätigkeit. was hat auf diesem Gebiete die liberale Bewegung im Judentum von den Rabbinern, die sich zu ihr bekennen, zu erwarten und zu fordern? Da scheint es mir von nöten, zunächst ein Vorurteil aus dem Wege zu räumen, mit dem der liberale Rabbiner sehr oft belastet wird, und welches ihn in seinem Ansehen und in seiner Tätigkeit häufig genug hemmt und hindert: als ob nämlich seine Aufgabe ausschließlich eine niederreißende, zerstörende, negative sei und nach der ganzen Sachlage nicht anders sein könne. Mich erinnert dieses Vorurteil jedesmal an die Behauptung moderner Bibelkritiker, welche im ersten Kapitel des Zeremia bei der Schilderung seines Berufes: „er sei bestallt, auszuroden und einzureißen, zu vernichten und zu zerstören, aufzubauen und anzupflanzen," diese beiden letzten Worte für einen unechten Zusatz erklären. So ergeht es auch dem liberalen Rabbiner. Man will ihm nur die Bestallung zur Zerstörung als echt zugestehen, während man seine Behauptung, er wolle als Letztes und wichtigstes aufbauen und anxflanzen, als ein Falsum kennzeichnet. Natürlich vor allem auf Seiten unserer nichtliberalen Gegner, die diesem Vorurteil oft genug schon in der maßlosesten und beleidigendsten Form Ausdruck gegeben haben! wer weniger fanatisch unter ihnen ist, billigt uns wenigstens die g ut e A b s i ch t zu, als einen Milderungsgrund, der aber doch nicht hinreicht, uns von der Anklage freizusxrechen, daß wir durch die Tat immerhin Zerstörer und Verderber des Judentums seien und blieben. Und wie sich so oft Extreme begegnen, so findet sich dasselbe Vorurteil bei manchem

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