Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August 1910) · p. Seite 172

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August 1910)
Date
1910-08-01
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3126481-3126526-3126534--0591-3127375
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

172 Nie Nürnberger Uersammlung — Festpredigt Denn das wollen wir: die Erhaltung durch den Fortschritt und denFortschritt zur Erhaltung unseres heiligen Glaubens; das wollen wir mit ganzer Rraft der Ueberzeugung und des Willens, und so wenig wie von unseren Gegnern draußen, so wenig werden wir von unseren Gegnern drinnen es dulden, daß gesagt wird: Ihr, die Ihr dies wollt, Ihr seid nicht mehr mein Volk, Ihr seid nicht mehr die Rinder des lebendigen Gottes Israels! Für diese schwere Arbeit im Innern weist ein schöner Ausspruch unserer weisen, mit dem sie die heutige prophetische Verheißung ^erläutern (Midrasch Rabba % B. M. Rax. 2), den rechten weg: „Rinder des lebendigen Gottes wollt Ihr heißen? Nun denn, wie der lebendige Gott zu Luch gesprochen: Ich bin der Erste, wenn es sich um das Gute, ich bin der Letzte, wenn es sich um Has Schlechte handelt, so möget auch Ihr die Ersten sein in allem Guten, die Letzten in allem Schlechten!" Gewiß ein weitgestecktes Ziel! Unsere Arbeit nach außen wäre schon erfolgreich, wenn sie nur wenigstens die Anerkennung sittlicher und religiöser Gleichberechtigung uns verschaffen würde; unsere Arbeit im Innern soll viel mehr noch erreichen, soll, was wir auf sittlichem und religiösem Gebiete leisten, sogar als Muster und Vorbild allen anderen erscheinen lassen. Und in der Tat, wie viel Musterhaftes und Vorbildliches besitzen wir, wenn wir es nur auch immer in die richüge Form zu kleiden wüßten! Auch das Göttliche und Gute findet ja dann am leichtesten seinen Eingang in die Menschenherzen, wenn es sich zugleich in das Gewand des Schönen hüllt. „Es gibt nur zwei wahre Religionen", hat der größte deutsche Dichter (Goethe) einmal gemeint, „die eine, die das heilige, das in und um uns wohnt, ganz formlos, die andere, die es in der schönsten Form anerkennt und anbetet, alles was dazwischen liegt ist Götzendienst." Ich aber meine, es kann nur eine wahre Religion geben, diejenige, die lehrt, daß das Heilige, das in und um uns wohnt, seinem wesen nach formlos ist, und die es zugleich anerkannt und angebetet wissen will in der reinsten und schönsten Form. Damit ist von selber jeder Götzendienst ausgeschaltet. Israel besitzt jene wahre Lehre vom wesen Gottes; nun soll es aber auch in den Formen diese wahre Anerkennung und Anbetung sich zu eigen machen, um allen äußerlichen Götzendienst auszutreiben und dem Röstlichen, das es sein Eigen nennt, dafür Eingang zu verschaffen in allen Kerzen. Vor allem in den Kerzen aller derer, die sich schon zu ihm bekennen! Diese als treue Anhänger ihm zu erhalten, allen schmählichen Abfall ferne zu halten, der doch gewiß den traurigsten und sittenlosesten Götzendienst darstellt, ist ganz besonders in unseren Tagen das nächstliegendste und wichtigste Ziel der inneren Arbeit, wir können es nur erreichen, wenn wir ebenso, ja noch mehr wie den Außenstehenden, unsern eignen Angehörigen das rechte Verständnis für unsere Lehre öffnen und sie zur rechten Betätigung auch in den äußeren Formen führen. Diese rechte Betättgung setzt aber vor allem die Möglichkeit der Ausführung voraus, und da, wo das moderne Leben mit seinen hochgespannten Anforderungen einfach die altgewohnte Möglichkeit versagt, ist es unsere unabweisbare Pflicht, neue Möglichkeiten, neue. Formen, neue Betättgungsweisen zu finden, um uns alle als Rinder des lebendigen Gottes zu erhalten. Mag auch über Art und Maß dieses Fortschreitens die Anschauung der Einzelnen auseinander gehen, die Pflicht dieser inneren Arbeit besteht und muß von jedem, der es ernst und ehrlich mit unserer Religion meint, nicht bloß anerkannt, sondern auch im festen Zusammenschluß mit ausgeübt werden. Denn nur das ist der weg, der unsern Bestand nach innen und nach

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.