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Liberales Judentum · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August 1910) · p. Seite 171

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August 1910)
Date
1910-08-01
Page
Seite 171 (sequence 3)
Language
German
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Dir Nürnberger Versammlung — Frstprrdigt 171 in religiösen Dingen bekennt, der uns selber und mit uns die gesamte Menschheit zum reinen Inhalt der Lehre des Judentums hinführen muß. wer aber die Wissenschaft voller Hohn mit Acht und Bann belegt, und wer einen Fortschritt in religiösen Dingen schlechtweg leugnet oder den reinen ewigen Inhalt und die ständig wechselnde äußere Form nicht voneinander zu scheiden vermag, der wird immer als ein schlechter Rämpe für die Sache Israels bestehen, mag er sich auch für einen guten Juden halten und es selbst scheinen. Denn er vertritt eine Auffassung des Judentums, aus deren Mängeln eben jener Vorwurf einst seine Nahrung gezogen und leider noch immer zieht und sicherlich solange ziehen wird, solange sie nicht endgültig bei uns selber abgetan und beseitigt ist. Man hält uns vor: Ihr seid nicht mehr mein Volk, Ihr habt nicht das Recht, Luch Rinder des lebendigen Gottes zu nennen, denn das lebendige Gotteswort ist erstarrt in Lurer Mitte zu lauter Formen und Gesetzen und Äußerlichkeiten, mit denen Ihr nicht bloß den Zugang zu diesem einst so köstlich sprudelnden CZuell vermauert, sondern auch Luch selber vom frischen Leben abgeschlossen und von den Menschen ringsum abgesondert habt. Scheint es nicht uns selber manchmal so, als ob etwas wahres an solchem Vorhalt sei, wenn wir sehen müssen, welche Nichtigkeiten bei uns noch immer den Stempel religiöser Heiligkeit erhalten, welche kleinliche Erschwerungen dem mächtig flutenden, modernen Leben entgegengesetzt werden; müssen wir uns da nicht selber oft genug kopfschüttelnd fragen: Ist, das wirklich noch Religion, wirklich noch Judentum, wirklich noch der Wille Gottes und ein Glaube an Gott? Aber selbst dieser Schein von Wahrheit erbleicht, wenn das strahlende Licht des reinenLehrinhalts unserer Religion darüber streift. In diesem reinen Lichte enthüllt sich, was als ein feindselig Gemäuer uns dünkte, in Wirklichkeit als ein Bollwerk nur, in früheren Zeiten der Not, des Drucks und Zwanges aufgerichtet, jetzt aber leicht und schnell abzutragen, jetzt, da bessere Zeiten nicht mehr angsterfülltes Sichverstecken und -Verbergen von uns heischen, sondern frische Anteilnahme am großen Leben, das rings erblüht, rückhaltlose Betätigung an allem menschlichen Denken, Wollen, Erringen und Vollbringen. Und das alles gestattet, ja verlangt sogar der reine Lehrinhalt des Judentums, verlangt, ja lebt sogar die heilige Schrift auf allen ihren Blättern uns vor, und wo sie Absonderung gebietet, sondert sie nicht etwa Leben von Leben und Menschen von Menschen, die viel inniger in den schlichten Verhältnissen jener Tage sich miteinander mischten als heute, sondern sie scheidet Anschauung von Anschauung, die wahre Gotteslehre vom abergläubischen Götzendienst, die reine Sittenlehre von der unreinen Unmoral. Andere Absonderungen als dies treue Bekenntnis unseres Gottesglaubens und die treue Uebung unserer Sittengebote dürfen auch wir nicht kennen, und selbst das sind doch in unseren Tagen keine Absonderungen mehr, sondern im Gegenteil starke und feste gemeinsame Bande, die uns im Rampfe gegen die w i r k l i ch e n Schäden des modernen Lebens mit den Besten und Verständigsten aller Bekenntnisse immer enger und enger verbinden und von selber ihnen die Anerkennung abzwingen werden: Fürwahr, auch Ihr seid Rinder des lebendigen Gottes! wie viele Arbeit im Innern erwächst uns schon aus dieser Verteidigung nach außen! Und nun gar, wenn wir um unser selbst willen, das heißt zur Lr- Haltung und zum Fortschritt der Religion und Sittlichkeit in unserer eigenen Mitte an diese Arbeit Herangehen!

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