Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 165

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 165 (sequence 45)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126526-3126533--0583-3127366
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Justizrat Dr. MittrlshSfrr: Zur Revision unseres Gebetbuchs 165 liberale Judentum doch jene Forderung, daß es mit seinem neuen eben gefundenen Grundprinzip einen schritt weiter auf dem Wege tut, den die Propheten beabsichtigten, auf dem Wege zur Daath Adonaj! Von solchen Normen, welche die Spontaneität vorbereiten, dürfen wir schließlich auch ein höchstes erhoffen, die Versöhnung von Orthodoxie und Liberalismus. So wie sie innerlich, in der Idee, in ihnen verbunden sind, wie das Prinzip der spontanen und mitgeteilten Religion, wie Freiheit und Tradition, Modernes und Altes in ihnen vereinigt ist, zu gleichen Teilen gemischt und doch nicht schematisch. nicht kompromißartig feige nebeneinandergestellt, sondern innerlich miteinander verschmolzen, in einer Weise, wie das Gemüt sie fordert, der Verstand sie billigt, die Geschichte sie rechtfertigt, — so werden sie (ich bin Idealist genug, dies zuversichtlich zu glauben, „ich selst es, wenn auch noch nicht jetzt"), wenn überhaupt je, so nur solche Normen, auch die orthodoxen und liberalen Menschen in Frieden vereinen, ja diesen Gegensatz überhaupt auslöschen, — genau so, wie einst das Deuteronomium Proxhetismus und Priestertum und damit das ganze Volk zur Einheit zusammengefügt hat. (Fortsetzung folgt.) Zur Revision unteres Gebetbuchs. Von luftizrat Dr. Wittelshöfer-fürth. m RÜdelheimer Gebetbuche findet sich noch immer das Gebet Laineü madiikin; auch noch in der mir vorliegenden Ausgabe von 1909 (von Dr. Bleichrode in Berlin). In einer Korrespondenz der Allgemeinen Zeiutng des Judentums aus dem Elsaß vor einigen Jahren wird mitgeteilt, daß das Gebet auch in Elsaß und in Baden noch allgemein gesprochen wird. Es ist ein Abschnitt aus der Mischnah und handelt nur von dem Oele und dem Dochte, mit welchem am Freitag Abend „entzündet" werden darf, und hat daher für nicht ganz Orthodoxe überhaupt keine Bedeutung mehr. Insbesondere aber kann gegen den Satz 6 desselben nicht scharf genug angekämpft werden. Derselbe lautet: „Wegen dreier Sünden sterben die Frauen im Wochenbette: wenn sie es nicht genau nehmen mit ihrer Periode, mit dem Opferteige und mit dem Entzünden." Hier ist also einer Frau, die am Freitag Abend ihre Lampe entweder gar nicht oder mit einem unrichtigen Gele oder mit einem unrichtigen Dochte entzündet, nicht etwa eine Höllenstrafe, sondern die sehr reale Strafe angedroht, daß sie dafür im Kindbette sterben müsse. Man denke, wie schrecklich diese Strafe im vergleich zum vergehen ist und mit welcher Angst und Furcht eine jüdische Frau durch diesen Ausspruch, den sie allwöchentlich liest, erfüllt werden muß. Derselbe gehört zur Kategorie jener Aussprüche, die unser Judentum zum Gespötts machen müssen, statt „zur Weisheit und Verehrung in den Augen der Völker". Es ist vor Jahrzehnten in vielen Synagogen im Owinu malkenu - Gebet: „Räche vor unseren Augen das vergossene Blut Deiner Diener", ausgemerzt worden. Nack den Lehren des Judentums, das die Rache verbietet, und nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit war diese Abschaffung auch vollständig begründet. Ebenso begründet ist aber nach anderen Seiten hin die Entfernung des obigen schrecklichen Ausspruchs, und es gehört mit zu den dringenden Aufgaben unserer liberalen Bewegung, daß alle derartigen Stellen im Gebete abgeschafft und ausdemGebetbuch entfernt werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.