Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 164 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Liberaler Kultus o o o o zwischen der Scylla und Tharybdis von Organisation und Liberalismus zeigt mir die Analogie der Geschichte. In unsrer Phase des Judentums nehmen die großen liberalen Führer des vorigen Jahrhunderts dieselbe Stellung ein wie die Propheten in der ihrigen; sie sind die Vertreter einer reinen Spontaneität. Sollen die positiven konkreten Glaubensxrinzipien des Liberalismus Gemeingut der Masse werden, so hat er daher ebenso zu handeln, wie wir es bei den Propheten des 7. Jahrhunderts gesehen haben. Er hat einerseits auf sein Formxrinzip, die Spontaneität als Quelle der Religion, zu verzichten, wie es die Propheten nicht unter ihrer würde gehalten haben; er muß mitgeteilte Religion werden. Dafür aber muß andrerseits die neue mitgeteilte Religion die konkrete Lehre des Liberalismus in sich aufnehmen, wie es seiner Zeit das Priestertum mit der Lehre der Propheten getan hat. Dies Prinzip des Liberalismus heißt nun: die spontane ist die einzige berechtigte Art der Religion. Die mitgeteilte muß daher die Prätention aufgeben, als könnte sie je Ersatz der spontanen Religion sein. 2TL a. w.: Der innere Widerspruch des Begriffs organisierter Liberalismus findet seine Lösung darin, daß er sich die Aufgabe stellen muß und nur die eine Aufgabe haben darf, spontane Religiosität vorzubereiten. Dies muß das grundlegende Prinzip des künftigen Mafsenliberalismus, des organisierten Liberalen Judentums werden. Und in diesem Zeichen wird er siegen! Es bedeutet freilich logisch: Er hat stets auf seine Selbstvernichtung hinzuarbeiten, auf eine spontane Religiosität, die sich keinen Regeln unterwirft. Und das wird stets seine Schwäche bleiben; denn immer wird es — hoffentlich! — Menschen geben, die über die Norm hinauswachsen und ab splittern; immer auch andre, die — leider — nicht ans Ziel kommen und vorschnell verzweifelnd sich von aller Religion überhaupt abwenden. Aber das braucht den Liberalismus nicht abzuschrecken. Denn alle Institutionen, die auf Freiheit gegründet sind, leiden an demselben Mangel. Selbst die Sittlichkeit ist ja eigentlich nur. da vorhanden, wo Unsittlichkeit überwunden wird; ihre Absicht aber geht auf Menschen, die es gar nicht mehr nötig haben, Unsittlichkeit durch Willensanstrengung zu überwinden; die Moral hebt sich also selbst auf in ihrem Ideal, der sittlich reinen Persönlichkeit. So hat auch der Liberalismus, wenn er sein Ideal, die spontane Religiosität, geschaffen hat, seine Schuldigkeit getan und kann gehen. Sein Glück über diesen Erfolg muß und wird ihn den Verlust verschmerzen lassen. Noch dazu, da er ja hoffen darf, falls er selbst nur konsequent vorgeht, daß eine solche neue spontan-religiöse Persönlichkeit entweder selbsttätig zu denselben Resultaten kommt wie er, oder aber ihn selber weiter führen wird zu neuen ungeahnten Zielen! Diese neuen Männer werden geradezu sein größter Stolz werden! Um so mehr als dieses liberale Judentum mit dieser selbstgestellten Aufgabe, spontane Religiosität vorzubereiten, sich selber fühlen darf als eine Fort- und Weiterbildung: Man hört heutzutage so oft die Forderung: Zurück über den Talmudismus zum Prophetismus! So berechtigt dieselbe ist, so ungenau ist sie. Der Prophetismus allein ist, wie gesagt, ein Unding für Massen, heute wie früher. Gerade unsere Zeit mit ihren differenzierten starken Einzel-Interessen kann am wenigsten die Religion der Individualität allein überantworten; totale Verwilderung wäre die Folge; das Prophetenwort: „Ohne Zucht gleitet das Volk aus", gilt auch hier. Aber in dem Sinne erfüllt dieses von uns definierte neue