Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 163 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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Liberaler Kultus 163 verstandesmäßigen Ueberlegung. Der Gegensatz von orthodox und liberal beruht vielmehr so in der menschlichen Natur, daß die einen glauben, stark genug zu sein, um <rus sich selbst die Welt, das Leben, das Verhältnis zu Gott gestalten zu können (das ist die Grundansicht alles Liberalismus), während die andern sich zu schwach dazu fühlen und deshalb eine 'Bindung, ein Regulativ, eine Autorität von draußen suchen, die eine feste stütze bietet, weil sie selbst feststeht; das ist die psychologische Art alles Konservatismus. So spricht auch der Orthodoxe: „Ich werde nie kraftvoll genug spontan religiös sein; darum begnüge ich mich mit dem Ersatz der mitgeteilten Religion; diese aber finde ich allein im System des Talmudismus!" Dieser einzigen berechtigten Anschauung, die für die Orthodoxie spricht, muß das liberale Judentum "den Boden entziehen, im eigenen Interesse, damit nicht immer wieder die auch von Christen oft geteilte Meinung auftritt, die Orthodoxie sei das echte, allein berechtigte, autorisierte Judentum. Das aber kann der Liberalismus nur dann, wenn er sich ebenfalls als mitgeteilte Religion etabliert, d. h. sich organisiert und Normen für seine Anhänger aufstellt. Wenn das liberale Judentum selbst Autorität wird, — dann wird schließlich auch die Orthodoxie das genannte Opfer des Intellekts nicht mehr benötigen, auf dem allein sie beruht, und somit auch vom Liberalismus ein großer Schritt auf dem Wege zur Wahrheit gewonnen sein. Daß Kraft und Wille zu solcher Organisation vorhanden 'ist, zeigen ja die beiden Vereinigungen, die der Liberalismus schon erzeugt hat, die Rabbiner- und Laienvereinigung. Deren Aufgabe wird es nun sein, das liberale Judentum — wohlgemerkt: nicht das Programm dieser Vereinigungen, sondern — das Programm der neuen Religionsform bis möglichst in alle Einzelheiten zu normieren. Doch hier entsteht nun eine große Schwierigkeit, eine Schwierigkeit, die nicht durch Organisationsentwürfe usw. zu lösen ist, weil sie keine Frage der äußeren Gestalt, sondern in einem sachlichen inneren Widerspruch besteht. Der Liberalismus, so sagten wir, geht von der Spontaneität aus und hat die Absicht, diese wieder Ai schaffen; er will zwar nicht die religiöse Freiheit, im negativen, aber doch in dem positiven Sinne der Selbsttätigkeit des religiösen Subjekts begründen! Wie kann er da Normen schaffen wollen? Normierte Spontaneität ist ja ein Widerspruch in sich, ein hölzernes Eisen! Religiöser Liberalismus, so hat man oft gesagt, muß zur Anarchie führen, — hier sehen wir den inneren Grund dafür: Er will ja die Spontaneität; sobald er sich aber organisiert, muß er mitgeteilte Religion werden! Hier sehen wir auch den tieferen Grund, warum das vorige Jahrhundert zu keiner Organisation kommen konnte: Die Spontaneität war so stark in den führenden Geistern, daß sie sich nicht beugte unter das Joch einer organisierten Religion; sie war so lebendig, daß sie jede Einkrustung in eine Norm zersprengte. Muß das aber nun nicht immer so bleiben? An dem Gegensatz von spontaner und mitgeteilter Religion hat sich doch nichts geändert! Der Gegensatz ist ja ein innerlicher, wesenhafter! Und da nun Spontaneität, wie wir gesehen haben, nie eine Sache der Masse ist, sondern immer nur einiger besonders religiös Veranlagter, muß da der Liberalismus, der die Spontaneität zu seiner Sache macht, nicht auf Organisation verzichten, oder falls er sie versucht, immer wieder scheitern, wie im vorigen Jahrhundert so auch in alle Zukunft? Ich halte diese Konsequenz nicht für unausweichlich. Und den gangbaren weg