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Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 162

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 162 (sequence 42)
Language
German
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162 Liberaler Kultus einreißen. Das war der Sinn des bisherigen Linzelliberalismus. Die versuche der Rabbinerversammlungen und Synoden, zur positive wieder zu kommen, sind gescheitert; die Zeit war noch nicht reif dafür, Wie das Herr Rabbiner Dr. Vogelstein in seiner ersten f)rogrammrede so glänzend ausgeführt hat. Wenn aber heute der „Liberalismus" neu erwacht, so kann seine Aufgabe nicht wieder dieselbe sein wie vor '\00 Jahren. Wir haben kein Recht mehr, über der Negative die positive hintanzustellen! Was unnötig ist, um sich doch noch mit Berechtigung Jude zu nennen, das weiß heute jeder Liberale; das Mindestmaß des Judentums (der konsequent durchgeführte Monotheismus) ist bekannt. Auch darum kann es sich nicht handeln, einzelne Reformen zu schaffen, „ein jeder nach dem Belieben seines Herzens". Heute handelt es sich um die positive Ergänzung jenes negativen Liberalismus, um den Wiederaufbau, um das neue Leben, das aus den Ruinen erblühen soll und muß. Das was die Rabbinsrversammlungen beabsichtigt haben, gilt es endlich durchzuführen: die Konstituierung einer neuen j)hase des Judentums, die gleichberechtigt neben die biblische, talmudische, karäische und chassidische treten soll, und die eben heißen soll: das liberale Judentum. Innerlich bedeutet das Wort liberal hier so viel wie „modern". Lin Judentum, das in die Zeit des Dampfes und der Elektrizität, des Radiums und der Luftschiffahrt, in das Zeitalter der Naturwissenschaft, Technik und Sozialpolitik paßt, das will unser heutiges Liberales Judentum sein. Auf den Namen kommt ja nicht viel an, und niemand wird etwas dagegen einwenden, daß auch in dem Namen die Dankbarkeit gegenüber den Männern zum Ausdruck kommt, die mit Einsetzung ihrer ganzen Persönlichkeit, durch ihren wirklichen Liberalismus, uns den Weg gebahnt haben. Aber das muß doch betont werden, daß innerlich dies neue liberale Judentum nicht Freiheit, sondern Bindung bedeutet, so gut wie jede andere Religionsform! Organisiert und normativ wirkend muß auch das liberale Judentum sein, — oder es wird nicht sein! Denn der Schein der religiösen Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit wird an den Liberalen so lange haften bleiben, solange sie nicht nach Normen handeln. Und dieser Schein wird immer wieder der Indifferenz Vorschub leisten und andrerseits die Orthodoxie abstoßen, also innerlich und äußerlich dem Liberalismus und damit auch dem Judentum selbst schaden. Insbesondere ist es solange den Orthodoxen nicht zu verdenken, daß sie ihren sicheren Standpunkt nicht aufgeben wollen. Der Gegensatz von orthodox und liberal ist nun einmal in der menschlichen Natur tief begründet. Freilich rächt so, wie Martin j)hilippsohn in seiner (sonst so bedeutungsvollen) Neuesten Geschichte sagt (I, S. \85): durch den Gegensatz von Gemüts- und Verstands-Naturen. Denn der Liberalismus stammt nicht wesentlich aus dem verstände, sondern wie schon gesagt, aus der Sehnsucht nach spontaner Religion und somit aus dem Gemüt, wie er auch für eine stärkere Beteiligung des Gemüts an der Religion agitiert; der verstand ist ihm nur der Hebel, die früheren Anschauungen zu überwinden. Und andrerseits, das orthodoxe Opfer des Intellekts, der Glaube an die supranaturalistische sinaitische Herkunft der Thora, entspringt auch nicht aus dem Gemüt, etwa einer mystischen Versenkung in Gott oder dergl., sondern aus der Furcht vor der inneren Haltlosigkeit, der die Orthodoxen glauben anheimfallen zu müssen, wenn sie die überlieferte Religion aufgeben, also aus einer recht

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