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Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 161

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 161 (sequence 41)
Language
German
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o o oo Liberaler Kultus 161 geführt ist, — trotzdem das Prinzip alt ist, daß der Minhag in Israel als Gesetz anzusehen ist. Nachdem mit diesem Prinzip aber Ernst gemacht war, schaffte sich das Bedürfnis nach spontaner Religiosität explosiv Luft in den messianischen und chassidischen Sektenbewegungen mit ihrer mehr oder weniger starken Abneigung gegen Talmud, Torah und Rultus überhaupt, — und in Westeuropa in den liberalen Strömungen seit Mendelssohn. In diesen antitalmudischen Strömungen ist das treibende Moment sicherlich nicht so sehr die Sehnsucht nach Freiheit vom Zwang, nach Abwerfung der Gesetzeslast, oder gar nach Anschluß ans Christentum, an die Rulturmenschheit usw., sondern vielmehr die Empfindung, daß diese ganze erlernte und erlernbare, diese mitgeteilte Religion uns hinwegtäuscht und fernhält, im günstigsten Fall viel zu wenig beiträgt zu dem, was eigentlich Religion ist, der spontanen Religion. Es ist ja wahr: der Talmudist will in Wahrheit diese nicht ganz vernachlässigen; auch er hofft: Nittoeb sobelo lischmoh tobö lischmoh, durch blinde Gesetzeserfüllung gelangt man schließlich zur höchsten Anschauung. Aber im Grunde hält er diese doch für unnötig; das Naasseh gilt ihm wichtiger als das Nischma; die religiösen Werke genügen ihm als Letztes. Die Gefühlsreligion ist ihm ein angenehmes Nebenprodukt. Und andrerseits steht auch das Erziehungsresultat tatsächlich im kläglichen Gegensatz zu den gemachten Aufwendungen. So sicher unter der Zucht des Gesetzes bewundernswerte Charaktere und tiefreligiöse Naturen erzogen worden sind, so bilden sie doch einen ganz sicher nicht größeren Prozentsatz in der Orthodoxie als unter denen, die sich von der überlieferten Religion frei gemacht und auf eignen wegen sich Weltanschauung und Rultus gestaltet haben. Soweit also die mitgeteilte Religion im Talmudismus weg zur spontanen sein will, hat sie keinen größeren Erfolg als der Liberalismus zu verzeichnen — trotz ihres ungeheuren Apparates. Und nur soweit sie Ersatz der spontanen ist, muß zugegeben werden, daß ihr Zwang mehr erreicht hat, als die im liberalen Lager leichter wuchernde Indifferenz und Verantwortungslosigkeit. Diese aber ist auf ein Moment zurückzuführen, das künftig eben ausgeschaltet werden muß und wird. Um dies zu erkennen, ist hier, wo das Wort Liberalismus zum ersten Mal in unserer Untersuchung gefallen ist, gleich eine wichtige Distinktion für dasselbe hervorzuheben. Nämlich, was man gewöhnlich unter Liberalismus versteht, ist der des Einzelnen. So angewendet, hat das Wort lediglich eine negative und formale Bedeutung: Liberalismus ist die Anschauung, daß jeder frei ist in seiner religiösen Ueberzeugung und Handlungsweise. Dieser Einzelliberalismus ist zwar nicht identisch mit spontaner Religiosität; denn diese ist, wie schon bemerkt, auch bei streng orthodoxen Menschen möglich. Aber eine — wenn auch nicht absolut notwendige — Vorb edingung zur spontanen Religion ist dieser Einzel-Liberalismus, und ebenso kann er auch die Folge einer Sehnsucht nach ihr sein, dann, wenn die mitgeteilte Religion nicht mehr genügend Entfaltungsraum für die spontane bietet. Das war aber der Fall des Judentums im O. Jahrhundert. Weil unsere Großväter sich nach positiver spontaner Religion sehnten, mußten sie zunächst einmal liberal werden, d. h. die ihnen bisher mitgeteilte Religion möglichst vollständig abwerfen, da sie ja merkten, daß diese sie nicht ans Ziel führte, — um eben einen neuen Standpunkt und Ausgangspunkt für den neuen weg zu finden. Das positive Bedürfnis zwang sie zunächst zur Negative; wie Ieremia mußten sie, um neu zu bauen, erst

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