Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 160 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126526-3126533--0578-3127361- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
160 Liberaler Kultus verbanden sich die Propheten mit den Priestern, um durch diese wenigstens ihre objektive Lehre von dem einen Gotte des Guten populär zu machen. Sie gewannen das Priestertum von Jerusalem, daß es ihre Ideen in den Kultus der Hauptstadt einließ: dem einen Gotte sollte künftig nur ein Tempel entsprechen, mit den kanaanäischen Kulten ward gründlich aufgeräumt und dadurch auch mit den kanaanäischen Göttern, und alle bestehenden Kult-, Moral¬ und juristischen Gebräuche wurden auf den einen Gott des Guten und der Gerechtigkeit zugeschnitten und als Gesetze von ihm erklärt. Die Propheten schlossen also einen Kompromiß von größter Tragweite: Sie gaben die Spontaneität des religiösen Empfindens preis, um zu retten, was zu retten war, den objektiven Inhalt ihres Glaubens, ihre Lehre von 'Gott und Sittlichkeit, u. z. in der Form der mitgeteilten Religion. Während bei ihnen selbst die religiöse Entwicklung vom Subjekte zum Objektiven gegangen war, von Gemüt zu Lehre, Sittengebot und Kultus, sollten nun wenigstens die letzteren Allgemeingut werden, um eventuell rückwärts wirkend das religiöse Gemütsleben zu erwecken! Die vorauszusehende Gefahr, daß letzteres oft nicht geschehen würde, dünkte ihnen gering gegenüber der andern, daß bei der Seltenheit der spontanen Religiosität die konkreten Forderungen, die sie zu stellen hatten, gar nicht zum Wort kämen. Die Reinigung von Lehre, Sittlichkeit und Kult galt ihnen seit dem 7. Jahrhundert mehr als das religiöse Gefühl. Das demokratische Prinzip in ihrer Religiosität siegte über das aristokratische: an einer verhältnismäßig kleinen Hebung des Gesamtniveaus in ihrem Volke lag ihnen mehr als an der Kardinalumwandlung einiger weniger. Von hier aus verstehen wir besonders gut Jeremia, der sich gegen diesen Kompromiß am meisten gewehrt hat, verstehen wir auch die Hochschätzung Jeremias bei den modernen protestantischen Theologen, die ja Jesus als den energischsten Vertreter der spontanen Religion feiern und in Jeremia seinen bedeutendsten Vorläufer sehen. Schon damals hat also eigentlich das proxhetentum abgewirtschaftet, und tatsächlich sind seit Jeremia keine wesentlich neuen Gedanken über Gott selbst mehr entstanden. (Die Originalität eines Deuterojesaja liegt auf anderem Gebiete.) Das Prinzip des Priestertums, die mitgeteilte Religion, die Torah, hat, wenigstens der Form nach, gesiegt, wenn auch dem Inhalt nach besonders in der Glaubens-, zum Teil aber auch in der Pflichtenlehre der Prophetismus die priesterlichen Anschauungen verdrängt hat. Aber die Daath. Ädonoi selbst ist mehr und mehr zurückgedrängt worden: Seit der Veröffentlichung des deuteronomischen Gesetzbuches, des Embryos der Bibel, ist die Religion überwiegend mitgeteilte; „das Buch" ist der 8pir1tu8 rector der Religion geworden, an Stelle des menschlichen Gemütes. Und das ist der Grund, warum in der Bibel der Kultus stets schon mit den geschilderten erzieherischen Forderungen behaftet erscheint, während der spontane Kern desselben, weil vorbiblisch, erst von der modernen Religionspsychologie wiederentdeckt werden mußte. Trotz alledem aber hat das Spontane in der Religion nie ganz geschwiegen! Nur mußte es innerhalb der Grenzen bleiben, welche die Bibel zog. Es hat sich ausgelebt in der „mündlichen Lehre". Und als wieder diese durch Hillels, R. Akibas und R. Ismaels Deutungsregeln in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt und durch Rabbi schriftlich fixiert und somit selbst mitgeteilte Religion geworden war, da hat es sich auf den Rkinhag zurückgezogen. Bis auch dieser wieder zum Gesetz verknöcherte — was im Schulchan-Aruch noch 'längst nicht durch-