Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 159 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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Liberaler Kultus 159 II. Betrachten wir von den genannten Gesichtspunkten aus zunächst das historische Judentum, so sind unzweifelhaft die Propheten des vorexilischen Israel die reinsten Vertreter der spontanen Religion. Der eine fühlt sich von der Gottheit am Arm gepackt in der ekstatischen Vision, den andern holt er hinter der Herde fort; im Windessäuseln, im Lrdbeben und Nordsturm empfinden sie die Gottheit, sie fühlen sich von ihr geläutert, gestärkt. Dies tiefinnerliche Erfülltsein von Gott nennen sie vaatü Adonoi, das Wissen von ihm, ihn mit der Seele greifen und begreifen. Und ihr Ideal ist, daß alle Menschen diese Intuition, dies innere Erleben Gottes erfahren mögen; dann ist die paradiesische Endzeit da, das messianische Heil (man vergleiche Hos. 2, 22; Ies. (I, 2—91 Ier. 9, 23. 3(, 33). In diesem Sinne wünscht Mose (Nu. ((, 29): „G wäre doch das ganze Volk prophetisch, vom Geist ergriffen!" Ob und in wieweit diese Propheten eigne Kulte geschaffen haben, davon hören wir in der Bibel nichts; die Symbole und Zeichen, in denen sie die Gedanken ihrer eignen Prophetie ausdrücken, sind nur einmalige, keine Gewohnheiten, und das gehört doch im allgemeinen zum Kultus. Die Bibel berichtet nur von den Kämpfen der Propheten gegen den Kultus ihrer Zeit. Dieser Kampf gilt keiner der von uns » genannten Kultarten, sondern der von uns gar nicht berücksichtigten vorproxhetischen Ansicht, daß der Kultus den egoistischen Zweck habe, die Gottheit sich gefügig zu machen. Erst bei Ieremia (7, 2\) nimmt die Polemik gegen die Gxfer eine Form an, die sich deuten läßt als Verwerfung des mitgeteilten Kultus: „Ich habe euch keine Opfer geboten, als ihr aus Egypten zogt", das heißt sehr wahrscheinlich: damals war der Kultus spontan; — denn daß auch in der Wüste geopfert worden ist, wird Ieremia schwerlich geleugnet haben. Daß er aber gegen die mitgeteilte Religion zu polemisieren beginnt, hat einen leicht verständlichen Grund: Zu seiner Zeit begann dieselbe ihre Herrschaft bewußt auszuüben und zu organisieren, nämlich mit dem im Jahre 62\ eingeführten Deuteronomium (vor dem vielleicht auch Ier. 8, 8 f. warnt). Diese mitgeteilte Religion heißt in der ganzen Bibel Torah, die Lehre, worunter durchaus nicht immer die 5 Bücher Moses zu verstehen sind, sondern die religiöse Theorie und Praxis, die man nicht aus sich selbst schöpft, die man sich vielmehr von Priestern und Weisen — ursprünglich mündlich — lehren ließ. Sie hatte stets neben dem prophetischen Gotteswort gestanden und hatte deshalb nach ihrer Niederlegung in einem Buche von vornherein solchen Einfluß (vgl. auch Ies. 29, (3), daß schon Ezechiel, ein jüngerer Zeitgenosse Jeremias, selbst ein Priester und Prophet zugleich, in seinem Idealbild der Zukunft den Priester über den Propheten stellt (Ez. 36, 26 f.); er hofft zwar auch, daß in der idealen Zeit „das Herz von Fleisch", das fromme Gemüt erwacht, aber doch nicht, damit es selbst das Leben neu gestalte, sondern damit es die schon gegebenen Religio ns- und Rechtsgesetze erfülle, — in klarem Gegensatz zu Ier. 3(, 32, wo die Hoffnung ausgesprochen wird, daß alle Torah unnötig werden wird, weil das Herz allein Gott und sein ewiges, ungeschriebenes Gesetz erfaßt. Und nun hat sich im 7. Jahrhundert folgendes vollzogen: Die Propheten sahen ein, daß sie ihr Ziel nicht erreichen könnten, dem ganzen Volke die Daath Adonoi zu übermitteln. Denn ihrer ganzen Natur nach ist die spontane Religion nun einmal aristokratisch, exklusiv, beschränkt auf wenige, besonders religiös veranlagte Menschen. Da