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Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 156

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 156 (sequence 36)
Language
German
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156 Liberaler Kultus o o o o dem Glaubensbekenntnis und dem höchsten Gottesgebot schmückt, oder daß er Tiere nicht essen mag, die verabscheuenswürdig aussehen, riechen, handeln. So wird dem Landmann Anfang und Ende seiner Hauptarbeit zum Fest, an dem er Gottes Segen erfleht und ihm dankt; und der Arbeiter, der die ganze Woche nicht an Gott denken kann, will wenigstens einen Tag ihm weihen, an dem er sich dem Ideal und allem Göttlichen widmet. Alle diese fetzigen Religionsgesetze sind ursprünglich freiwillig geübte, spontane, sinnbildliche Handlungen gewesen, erfunden von frommen Gemütern aus einer Art religiösem Gestaltungstrieb heraus: der Kultus ist ursprünglich die Gestik der spontanen Religion! Nun steht aber der Mensch mit seiner spontanen Religion nie allein da. Meistens liegt der Glaube, den er vermeint sich selbstständig erworben zu haben, schon in der Luft; er ist in ihm erzeugt durch Gedankenkeime und Stimmungen des Zeitgeistes, welche auf viele ihm ähnlich konstruierte Geister ebenso befruchtend wirken. Und gleichermaßen sind auch die Kultsymbole, die er sich schafft, den Gewohnheiten eines Milieus entnommen. Aber auch dann, wenn (wie bei den Propheten Israels) zuerst wirklich nur einer von solcher spontanen Religiosität ergriffen ist, so bildet sich doch stets bald eine Gefolgschaft um den ersten, eine Gruppe, und wäre es nur eine Assiria (Ies. 6, 13) ein Dutzend, welche — nun nicht etwa sich zu jenem bekennen, sondern durch ihn angeregt, doch wieder spontan, zu derselben Religion gelangen. So finden sich Glaubensgemeinden zusammen, die zuerst nur Sekten bilden, und oft als Sonderbrödler verlacht werden, die aber dann, wenn ihre Religion wirklich ein starkes und richtiges welterfassen bedeutet, unter besonders günstigen Umständen zu Religionsgemeinschaften anwachsen. — Sobald aber die Glaubensgemeinschaft sich konsolidiert hat (es braucht durchaus noch keine organische Kirche zu sein), beginnt die spontane Religion sich zu verwandeln. Die Litern, welche ihren Kindern ihr Heiligstes übermitteln wollen, vergessen, daß diese es sich ebenso wie sie früher erobern müssen. Sie wollen sie auch in der Religion gleich in den Sattel setzen, auch wenn die Veranlagung dazu gar nicht vorhanden ist. Sie wollen, um ihnen, geistige Kämpfe zu ersparen, ihnen ihre Weltanschauung übergeben, auch dann, wenn sich 'die Welt unterdessen gedreht hat. Sie wollen ihnen fertig überliefern, was aus der Persönlichkeit hervorwachsen muß. Die spontane Religion kann wegen ihrer Spontaneität nicht mitgeteilt werden; mehr als von irgend etwas anderem gilt von ihr das Dichterwort: „was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." Mitgeteilt werden kann nur das Konkrete in ihr, das vom Verstand Erfaßte, die Glaubens- und Sittenlehre; das Gefühlsmäßige, die Seele der spontanen Religion, nehmen die Litern und Lehrer mit ins Grab, wenn nicht besonders günstige Nebenumstände eintreten: An dieser Stelle wird daher aus der gewollten Religion, die gesollte, aus der von den Litern geschaffenen die von ihnen befohlene oder empfohlene, aus der spontanen die mitgeteilte Religion. Auch der Kultus macht diese Entwicklung mit. Lr ist ja das Konkreteste in der Religion und wird darum.auch am leichtesten und eifrigsten übernommen. Aber bei ihm hat das doch eine besondere innere Schwierigkeit! Lr beruht ja nicht, wie Glaubens- und Sittenlehre auf der Vernunft, sondern entspringt direkt dem religiösen Gemütsleben. Dies aber fehlt ja gerade mehr oder weniger den Epigonen, von denen wir sprechen! Steht hinter dem Kultus nicht mehr der Glaube, aus dem er hervorgewachsen, so sollte man eigentlich erwarten, daß er ver-

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