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Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 155

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 155 (sequence 35)
Language
German
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o o o o Liberaler Kultus 155 in nichts von dem Bekenntnis unterscheiden, dem sie angehören; dann nämlich, wenn sie selbständig zu denselben Vorstellungen und verehrungsformen gekommen sind, wie das Bekenntnis vorschrieb. Sie unterscheiden sich dann von dem Gros nur durch die Stimmung, die Wärme und Intensität ihrer Frömmigkeit. Denn gerade diese Gemütsseite fehlt großenteils der zweiten Gattung, der mitgeteilten Religion, wie ich sie nennen will. Diese ist, wenigstens heutzutage, die Religion der meisten Menschen. Sie besteht aus Lehren und Bräuchen, die alle vorgeschrieben sind und erlernt werden müssen und können, und die ein System ausmachen, welches das ganze geistige Leben des Rkenschen gleichsam umgarnt und in eine bestimmte Richtung treiben will. Dieses Wollen jtft überhaupt charakteristisch für sie. Die spontane Religion will nichts; sie ist da, oft plötzlich, unerwartet, als eine Offenbarung, oft in der ganzen Persönlichkeit heimlich und unbewußt wirkend; sie ist Glaube, im Sinn des Habakuk, der sagt: der Fromme lebt in seinem Glauben. Die mitgeteilte aber kommt von außen, von der Glaubensgemeinschaft aus an den Menschen heran, mit einer Absicht, mit Zweck und Ziel. Und zwar bezweckt sie ein doppeltes, nämlich die spontane Religion zu ersetzen denjenigen, die vermöge ihrer Gemütsart nicht zu ihr gelangen können, und die spontane Religion vorzubereiten und zu beschleunigen, in denen, die wenigstens ohne ihre bsilfe nicht zu ihr gelangen. Daraus ist klar, daß den Namen Religion eigentlich nur die spontane verdient; die mitgeteilte ist entweder nur eine Talmi-Religion oder ein Weg zu jener. Wenn sie trotzdem die mehr verbreitete ist, so liegt das daran, daß es einer ungeheueren Anstrengung, einer langen sittlichen Selbsterziehung und oft auch verstandesmäßiger Vertiefung bedarf, um zur spontanen Religion zu gelangen und um sie wirksam fürs Leben zu machen. Denn freilich, bequem macht es die spontane Religion ihren Adepten nicht! vom Gemüt, aus dem sie quillt, wächst sie nach allen Seiten, bis sie das ganze Leben überschwemmt. Und viele mögen sie sogar zurückdrängen aus Furcht, sie könnte zuviel von ihnen verlangen! Denn nicht bloß der Teufel, sondern auch Gott nimmt, reicht man chm erst den kleinen Finger, am liebsten die ganze Hand. Die Ausbreitung der spontanen Religion aber vollzieht sich vom Gemüt zuerst nach dem Verstände zu und dann nach der Praxis: Die Verschwommenheit, die allem Stimmungsmäßigen anhaftet, will sich klären und kristallisieren; und so filtriert der Glaube das verstandesmäßige Wissen von der Welt, und dabei entsteht als Niederschlag die religiöse Weltanschauung, das Glaubenssystem. Die neue „Erkenntnis" aber, der neue Standpunkt gegenüber dem Universum und der Unendlichkeit, zwingt auch das praktische Leben in neue Bahnen, und so drängt die spontane Religion auch dahin, Sinnbilder der neuen Art Gottesverehrung zu schaffen, Symbole, in denen den neuen Glaubensgefühlen und -Wahrheiten eine konkrete Darstellungsform gegeben wird. — Denn wird Gott erst einmal die Zentralsonne der Persönlichkeit, so sendet sie ihre verklärenden Strahlen bis in die äußerste Peripherie des Lebens. So aber entsteht aus der spontanen Religion das, was wir nennen den Rultus! Dies ist die wahre psychologische Ursache, aus der Gebräuche wie Tefillin und Mesusoh entstanden sind und sicherlich auch ein Teil der Speisegesetze und Sabbat und Feste und überhaupt die meisten Rultgebräuche unserer wie jeder Religion. Wir können noch recht gut nachemxfinden, daß ein Frommer, der sein Leben nach dem Willen Gottes einrichten will, dies symbolisch ausdrückt dadurch, daß er Aus- und Eingang eines Dauses, daß er Hand und Haupt mit

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