Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 154 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Liberaler Kultus daß jeder Liberale sich seinen eignen Schulchan-Aruch äusdenkt. Das aber ist ein unhaltbarer Zustand. Nicht nur verliert der Liberalismus dadurch an Werbekraft nach außen; denn jede Partei muß ein in sich folgerichtiges Programm vorweisen können. Er verliert auch an Einfluß auf seine ^Mitglieder, welche bindende Vorschläge für sich erwarten: Seine Organisation und seine Organisierung, er selbst und sein Werk leiden darunter. Denn mit allgemeinenWendungen, unter denen sich jeder etwas andres denkt, wie pietätvollem Festhalten und Abstreifen des veralteten oder Abgestorbenen und dergl., wie sie das Programm enthält, — damit ist, scheint mir, viel zu wenig getan. Eine Bewegung wie der Liberalismus hat eine viel zu große Verantwortung, als daß er Raubbau treiben dürfte in einer so wichtigen Frage. Er darf kein Gebäude aufrichten, ohne ein sicheres Fundament. Er muß deshalb den Inhalt jedes Begriffes erst exakt feststellen. Und dazu ist es nötig, von einer Untersuchung über das Wesen des Kultus auszugehen, ehe einzelne Kultreformen beschlossen werden. Und wo nun, wie beim Kultus, an dem Objekt die Wurzel fehlt, aus der alles Einzelne organisch hervorwächst, da muß auf die subjektiven, die psychischen Wurzeln zurückgegriffen werden, aus der Kulthandlungen hervorwachsen, damit erkennbar werde, welche Zweige noch triebkräftig und welche dem Tode geweiht sind, welche ohne Schaden für die Pflanze abzuschneiden und wo neue aufzupfropfen sind. Es muß aber die Frage beantwortet werden: Wie kommt der Mensch überhaupt zu Kulthandlungen? Wie kommt man dazu, der Religion zuliebe Handlungen und Unterlassungen sich aufzuerlegen, die weder uns, noch jemandem sonst das Geringste nützen, und die auch weder der Verstand noch das Gewissen verlangt, sondern allein die Religion, das Verhältnis des Menschen zu Gott? Zu dieser theoretischen Voruntersuchung möchte ich hier einiges Material liefern, um daraus Folgerungen für den künftigen liberal-jüdischen Kultus zu ziehen. I. Um das Wesen einer Sache zu erfassen, muß man sie analysieren, zergliedern. Divide et impera gilt auch im geistigen Leben. Tun wir das beim Kultus, so finden wir zwei von einander ganz verschiedene Arten desselben, die den beiden Arten aller Religiosität entsprechen. Denn es gibt bei schärferer Beobachtung tatsächlich zwei Arten von Religiosität, die freilich in der Wirklichkeit stets eng verbunden, ja gemischt erscheinen, die aber jeden: religiösen Menschen trotzdem als total verschiedenartig bewußt sind, so verschieden, wie Subjekt und Objekt, die ja auch einander gegenseitig bedingen. Die eine ist die aus der Persönlichkeit fließende Religion, die der Mensch sich selbst schafft in den großen Augenblicken seines Lebens, die Blüte des individuellen Wesens, die entspringt aus der tatsächlichen Verknüpfung des Einzelmenschen mit dem Unendlichen in Natur und Geist, wenn dieses im Gemüt erfaßt oder geahnt wird. Ich nenne sie im Folgenden kurz: die spontane Religion. Sie ist am ausgeprägtesten in den Propheten (aller Zeiten und Länder), die sich über die ihrer Zeit gewohnten religiösen Begriffe und Formen erheben, weil sie psychisch anders, tiefer angelegt als ihre Zeitgenossen, auch die Welt und das in ihr pulsierende Göttliche auf neue Weise anstaunen, anschauen, empfinden, erklären und verehren. In Wahrheit gehört zu dieser spontanen Religion aber auch die weniger neuartige, aber doch selbsttätige Religiosität der „Bekehrten" etwa der Heilsarmee, mancher Sekten, der Thassidim, der psalmisten, überhaupt also aller derjenigen, die aus ihrer Subjektivität heraus zu Gott kommen. Oft sind das ganz einfache Menschen, die sich äußerlich und selbst innerlich