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Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 153

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 153 (sequence 33)
Language
German
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o o . o o FibrrsLrr Kultus 153 Liberaler Kultus. Von einem jungen Rabbiner. eitdem die Religion auf der Sittlichkeit fundiert ist, also seit der Zeit des israelitischen f)rophetismus, hat man in ihr drei Provinzen zu unterscheiden: Den Glauben, die Sittlichkeit und den Kultus. Sie sind im wesentlichen schon in dem Spruche Simons des Gerechten genannt: Auf drei Dingen beruht die Welt: auf Lehre, Dienst und Liebestaten. Diese drei stehen ziemlich gleichwertig nebeneinander, wenn auch ein Geschlecht und eine Persönlichkeit dieses mehr betont, andere jenes. Das stabilste von ihnen ist die Sittlichkeit. Die Begründung der Ethik mag wechseln; aber über das, was sittlich ist, streitet fast niemand. Wohl hat auch 'die RIoral sich entwickelt, z. B. in den Anschauungen über Sklaverei und Polygamie. Aber ihr Fonds ist unveränderlich; er ist im Laufe der Zeit wohl vergrößert, aber nirgends verringert worden. Viel veränderlicher ist schon die religiöse Theorie. „Bete an, was du verbrannt, verbrenne, was du angebetet hast", dies Wort ist charakteristisch für viele Veränderungen auch des Glaubens innerhalb der monotheistischen Religionen und Konfessionen. Immerhin ist jedoch auch im Glauben wenigstens eine Axe vorhanden, die feststeht in allem Wandel religiöser Theorie, der Glaube an den einen Gott des Guten, der das Prinzip der Welt ist. Und wenn Differenzen über sekundäre Einzelheiten der Glaubenslehre sogar zu Religionskriegen geführt haben, so ist das vielmehr daraus zu erklären, daß Parteien, die auf gemeinschaftlicher Grundlage stehen, sich heftiger bekämpfen, als solche, die gar nichts miteinander gemein haben (der j)rotestantenfresser Kaiser Ferdinand II. begünstigte die Juden ic.!) — weil eben durch die nähere Berührung miteinander die Reibungsflächen gleichsam größer sind. Diese psychologische Tatsache ist daher umgekehrt fast ein Beweis dafür, daß die strittigen Veränderungen und Fortschritte in der Glaubenslehre die Grundfrage nicht berühren. Glaube und Sittlichkeit wird zu gut verankert in den Tiefen der theoretischen und praktischen Vernunft, als daß sie geschichtlich so leicht entwurzelt werden könnten. Anders der Kultus! Er hängt an der Religion wie die Guirlande am Rlast, jedem Winde preisgegeben. Jede Veränderung religiöser Lehre ändert auch ihn, und selbst Veränderungen, welche die Religion gar nichts angehen, des Zeitgeistes, ästhetischer Anschauungen, wirtschaftlicher, politischer Verhältnisse wirken auf ihn mit ein. Und da er keine Grundidee hat, um die er sich konzentriert, sondern an vielen dispersen Punkten nach immer wieder neuen Gesichtspunkten entsteht, so flattert er unruhig nach allen Seiten, wie die Taube Noahs über der Sintflut, suchend nach einem Grt, wo sie sich niederlassen könnte. So ist denn auch in der Bewegung des Liberalen Judentums von heute die Neugestaltung des Kultus das Hauptproblem, nachdem über die Theorie, die liberale welt- und Lebensanschauung, die Meinungen ziemlich geklärt sind. In den letzten zwei Jahren sind nun mannigfache Vorschläge gemacht worden für Veränderungen des Kultus, die das liberale Judentum zur Norm erheben soll. Doch nirgends habe ich die Prinzipien gefunden, nach denen das geschehen muß. Da ist es denn kein Wunder, daß die Vorschläge so zahlreich sind wie die Vorschlagenden — wenn nicht noch mehr —,

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