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Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 152

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 152 (sequence 32)
Language
German
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152 Ar. Goldschmidt: GListrncherrchtigrmg des liberalen Judentums sonderes Dasein, sondern existiert nur in der Mischung mit Verschiedenem. Die verschiedenen Mischungen machen die Einzelerscheinungen aus. Uebertragen wir das auf das Judentum. „Judentum" ist ein Begriff, der keine besondere Existenz hat. Er ist das Gemeinsame in den verschiedenen Einzelerscheinungen, als welche wir streng genommen alle einzelnen Juden zu betrachten haben. In den Einzelerscheinungen existiert das Gemeinsame, was den Begriff „Judentum" ausmacht, niemals rein, sondern immer in Mischung mit Verschiedenem, wodurch die reiche, entzückende Mannigfaltigkeit der Form entsteht. In dieser Mannigfaltigkeit gibt es auch wieder Gemeinsames und Verschiedenes. Nach diesem Gemeinsamen zweiter Ordnung teilt sich das einheitliche Ganze in Orthodoxie, Liberale, Gemäßigte. Orthodoxie und Liberalismus sind auch nur Begriffe, die hx ihrer Reinheit keine besondere Existenz haben, die in verschiedener Mischung in den Individuen existieren. Das Gemeinsame der Gemäßigten ist sogar eine Mischung der Extreme: Orthodoxie und Liberalismus, oder umgekehrt, Liberalismus und Orthodoxie, je nach der Zeitfolge, ob der Orthodoxe sich dem Liberalismus oder der Liberale der Orthodoxie zugewandt hat. Beide Spezies kommen vor. Die Wirklichkeit ist immer Mischung, immer ein Kompromiß; alle Abstrakta, alle „tümer" und „ismen" und „ieen" — Juden tum, Liberal ismus, Orthodox i e — sind nur die aus der Mannigfaltigkeit sich heraushebenden Gemeinsamkeiten. Alle Intoleranz entsteht nun dadurch, daß sich 1. die Abstraktion zum Richter des Konkreten aufwirft, aus dem sie doch einzig hervorgegangen, und 2. indem die Abstrakta zweiter Ordnung die Autorität der Abstrakta erster Ordnung usurpieren, wenn also in unserem Falle Liberalismus oder Orthodoxie oder gar Juste - milieu mit dem Anspruch auftreten: Ich bin Judentum! Das sind die wirklichen Tatsachen. Die Existenzberechtigung der einzelnen Richtungen und Schattierungen im Judentum liegt nicht in einer Theorie, nicht in einem Prinzip, nicht in einer Tradition, nicht in einer wissenschaftlichen Methode oder These, sondern in der tatsächlichen Existenz. Wenn es keine liberalen Juden gäbe, hätte der Liberalismus, und wäre er prinzipiell noch so logisch und wissenschaftlich, keine Berechtigung im Judentums. Da es aber große Kreise liberaler Juden gibt, so ist in dieser konkreten „Existenz" auch die „Existenzberechtigung" eingeschlossen. Nun sind die liberalen Juden aber in der Welt zerstreut: ihre Sammlung und Verbindung in einer soziologischen Struktur, welche die Möglichkeit geschichtlichen Lebens und Wachstums verbürgt — das ist die Aufgabe der „Liberalen Vereinigung". — Dasselbe gilt natürlich auch von den nichtliberalen Kreisen der Iudenheit, von den Orthodoxen und Gemäßigten. — AllengemeinsamistdasIudentum, das Gemeinsame er st er Ordnung. Die Wurzel ihrer Berechtigung ist nur die Wirklichkeit. Die schönste Blüte aus dieser Wurzel ist die Toleranz. Mit dem Schwerte der Intoleranz schneiden sie sich ab von ihrer eigenen Wurzel, von ihrer eigenen Existenzberechtigung. Alle Intoleranz ist Ueberspannung der Abstraktion. Die Toleranz ist die Bescheidenheit der Wirklichkeit. Diese Bescheidenheit der Wirklichkeit ist und bleibe die Fahne, unter der wir, nicht über Gegner, sondern über Schwierigkeiten, siegen wollen. Und, mit Gottes Hülfe, siegen werden!

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