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Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 151

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 151 (sequence 31)
Language
German
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o o o o Nr. Gsldschnndt: EXistenzbrrrchtigung des liberalen Iudrntnrns 151 extremen Parteien in sich aufzusaugen, indem auf die wundertätige Attraktionskraft der goldenen Mittelstraße mit dem Oelzweig des Friedens vertraut wird — — nein! Diese naive Illusion ist keinem ein- / zigen der unterschriebenen Herrn Rabbiner zuzutrauen, wenn sie ihren klaren Blick auf die wirklichen Tatsachen, auf die Menschen, richten. — Das scheint aber eben nicht der Fall zu sein. Wenn in 'dem Aufruf der „Freien jüd. Vereinigung" trotzdem solche Illusionen zu Tage treten, so erklärt sich das nur durch die Annahme, daß auch auf dieser Seite die Verwechslung von Tatsachen und Menschen mit Theorien und Prinzipien die Erreichbarkeit der guten Absichten vorgeschmeichelt hat. Theorien und Prinzipien lassen sich logisch als unhaltbar, als sich widersprechend, als zu verheerenden Konsequenzen führend, Nachweisen, man kann „aufklärend und helehrend, mahnend und warnend" auf den Prinzipienreiter einwirken. Aber „Orthodoxie" und „Liberalismus" haben nicht in einzelnen Theoretikern, in Propheten und Reformatoren ihre Vertreter, sondern in kompakten Massen, Ln deren Psychologie die Logik nicht der einzige Faktor ist, deren Resultate vielmehr aus der ganzen unendlichen Fülle der Menschenbrust hervorgeht. Die Gesetze der Massenxsychologie sind nicht auf die einfachen Formeln von a a und a entweder b oder non b zu bringen. In den Massen wirkt etwas wie . . , Masse. Das ist, wie es ist und fordert sein Recht. Sein Menschenrecht. Die orthodoxen Kreise können nicht anders als das Leben und die Religion von ihrem Standpunkte aus betrachten, sie sind wie sie durch Erziehung, Gewohnheit, Milieu, die ganze psychische Atmosphäre, in der sie leben, geworden sind. Dasselbe gilt von den Liberalen. Das wort und die Logik sind da als gegnerische Waffen, die auf lauter ungleichartige Appercextionsmassen stoßen, nicht nur ohnmächtig, sie bewirken eher das Gegenteil des Beabsichtigten, wie die Geschichte aller „Kulturkämpfe" zur Genüge lehrt. Ist aber der Aufruf der „Freien jüdischen Vereinigung" auch eine Utopie, so kann diese Vereinigung selbst vielleicht mehr wert werden, als ihr Aufruf, wenn sie sich nämlich abweichend von ihrem Aufruf auf den Boden der Tatsachen stellt. Tatsächlich besteht die deutsche Iudenheit nicht aus den beiden extremen Parteien: Orthodoxie und Liberalismus, sondern es gibt ohne Zweifel auch große Kreise, die weder extrem orthodox, noch extrem liberal sind, sondern die goldene Mittelstraße gehen und gehen wollen, und diese als eine dritte Partei zu. sammeln, zu organisieren und ihre Anschauungen theoretisch und praktisch auszuprägen: das könnte die Aufgabe der „Freien jüdischen Vereinigung" sein, nicht der ganz zwecklose Kampf nach zwei Seiten, gegen die Orthodoxie und den Liberalismus. Freilich müßte die „Freie jüdische Vereinigung" ihrer Anschauung entsagen, daß In dem Vorhandensein von mehreren Parteien dieEinheit des Judentums bedroht ist. Sie müßte sich zu dem Bewußtsein erheben, daß nicht die Vielheit, sondern nur die Intoleranz der Parteien die Einheit bedroht, wenn die Parteien nicht immer gewaltsam nur das anstarren, was sie trennt, sondern mit Liebe auf das blicken, was sie v e r b i n d e t, was sie Gemeinsames haben: dann ist die Einheit vorhanden und verbürgt. Dann stehen sie auf dem Boden der Logik in der Definition des Begriffs „Judentum". Jeder Begriff setzt Verschiedenes und Gleiches voraus. Der Begriff ist das Gleiche, das Gemeinsame in der Verschiedenheit. Der Begriff selbst hat kein be-

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