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Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 150

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 150 (sequence 30)
Language
German
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150 Ar. Gsldschrnidt: Smstrrrrbrrrchtigung drs liberalen Judentums söhnliche ^Gegensätze. Wie will nun die „Freie jüdische Vereinigung" diese Gegensätze versöhnen? Darf sie sich irgendwie die Kraft Zutrauen, die Orthodoxie für die grundsätzliche Anerkennung der „Anwendbarkeit des Gesetzes der Entwicklung auf das Judentum" zu gewinnen? Ist es denkbar, daß die Führer der Orthodoxie auf die „Aufklärung" und „Belehrung", „Mahnung" und „Warnung" von Rabbinern ein Gewicht legen werden, die in Gemeinden mit. . . Grgel-Synagogen fungieren? Die Führer der Orthodoxie mit ihren Sexarat-Gemeinden, die dem gewaltig brausenden Strome der Zeitverhältnisse sich widersetzen, sie werden auf die Friedensschalmei derer hören, die sie bisher als Renegaten des traditionellen Judentums verketzert haben? Sind denn die Orthodoxen, die die Trennung als Prinzip auf ihre Fahne geschrieben, die den größten Schwierigkeiten mit ihrer nie versiegenden und versagenden Gxferwilligkeit unbeugsam Trotz geboten haben — sind sie denn Rinder, denen das schöne Wort von „Wahrheit und Frieden" im Munde der „Freien jüdischen Vereinigung" als eine Sinai-Gffenbarung entgegen tönen wird? wer so etwas für möglich hält, der kennt den siegesgewissen Ernst der Orthodoxie nicht, wer die Festigkeit, die bewußte, absichtliche Kantigkeit der Orthodoxie unterschätzt, für den hat die Orthodoxie nur ein höhnisches Lächeln. — Nicht viel anders steht es mit den Kreisen der „Liberalen Vereinigung", nur dürfte die passive Resistenz der Liberalen nioch viel schwerer der .„Aufklärung und Belehrung, Mahnung und Warnung" der ^uste-uMsu-partei zugänglich sein, als die aktive der Orthodoxie. Diese nimmt wenigstens Notiz von den Aeußerungen der Gegner, um sie zu bekämpfen. Der religiöse Indifferentismus ist von außen her absolut unüberwindlich, weil er sich 'in gar keinen Kampf einläßt. Diejenigen Kreise der Iudenheit, die im Denken, und Leben mit allen religiösen Formen der Vergangenheit gebrochen haben, die dem religiösen Individualismus als etwas Selbstverständlichem huldigen; die wohl der Religion das Recht zugestehen, „das Leben zu meistern", aber nicht der Religion, die von vergangenen Geschlechtern als ein dogmatisches Bekenntnis und als ein unabänderliches Gesetz für alle noch so verschiedenen Zeitalter der Geschichte anerkannt wurde, sondern der Religion, die sie s e l b st als solche anerkennen, — will die goldene Mittelstraße bei diesen etwa mit dem Argument Eindruck machen, ob denn „die durch Jahrtausende bewährte Kraft unseres Religionsgesetzes geopfert werden soll"? Diesen gilt es als Axiom, daß „die durch Jahrtausende bewährte Kraft" des Judentums gerade darin besteht, daß es dem Entwicklungs-Gedanken gehuldigt und sich immer den Zeitverhältnissen angepaßt hat; daß es zu allen Zeiten dem „Nichts hinzu und nichts davon" eine Deutung zu geben wußte, die in Lehre und Leben den Bedürfnissen der Zeit Rechnung zu tragen gestattete, wie will also die „Freie jüdische Vereinigung" eine „Partei der Versöhnung" sein? Entweder sie macht den „Ansprüchen der Zeit" wesentliche Zugeständnisse — dann hat sie es mit der Orthodoxie verdorben; oder sie macht denselben nur scheinbare Zugeständnisse — „so weit sie dem Wesen unseres Bekenntnisses nicht widersprechen" — dann ist bei den Kreisen, die die „Liberale Vereinigung" im Auge hat, kein Anknüpfungspunkt gegeben. Oder mit andern Worten: entweder sie schlägt sich zur Orthodoxie oder zur „Liberalen Ver-' einigung", das ist die einzige Alternative. — Oder sollte die „Partei der Versöhnung" so gedacht sein, daß die „Freie jüdische Vereinigung" sich die Kraft zutraut, die beiden

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