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Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 149

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 149 (sequence 29)
Language
German
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Nr. Goldschmidt: Gristenchrrechtigung des liberalen Judentums 149 das geht die „Liberale Vereinigung" nichts an. Dieser genügt es, daß er auf das Bewußtsein: „Ich bin Jude!" Gewicht legt und als solcher am Leben der Liberalen Vereinigung Anteil nehmen oder gar Mitarbeiten will. Alle diese Weckrufe zum Kampfe nach irgend einer Seite machen auf mich den Eindruck, daß es den Rufern so geht, wie Napoleon, der sich in einen Krieg nach außen stürzte, weil er nicht wußte, was er mit seiner Dynastie nach innen anfangen solle. Es fehlt uns in der Tat an praktischen Vorschlägen und Programm-Entwürfen, wie die „innere Rtission", wenn ich es so nennen darf, die Sammlung und Organisation der Liberalen in die Wege zu leiten seien. Das tut uns not, und darüber sollten alle diejenigen Nachdenken, denen es heiliger Ernst mit der Gründung der Liberalen Vereinigung gewesen ist. Was muß geschehen, um alle die Tausende von Liberalen, die jetzt als Indifferente erscheinen, zu sammeln und zur lebendigen Tätigkeit zu vereinigen? — Das ist die allerwichtigste Frage für die Liberale Vereinigung, nicht: Wo sind ihre Feinde, rechts oder links? Das Judentum, soweit es warmes geschichtliches Leben und nicht bloß kalte Theorie bedeutet, setzt Vereinigung voraus. Das orthodoxe Judentum hat seine Vereinigung, sein Gemeinde-Leben, das seine Attraktion auf alle ausübt, die innerlich dahin gehören. Dieses Gemeindeleben mit seiner Attraktion fehlt dem Liberalismus, und das zu schaffen ist die dringendste Aufgabe der Liberalen Vereinigung. — Wenden wir uns nun zu dem Kampfe, den die Rcittelxartei in dem Aufruf der „Freien jüdischen Vereinigung" der „Liberalen Vereinigung" angesagt hat. Der Aufruf ist von 55 Rabbinern unterschrieben, unter denen die besten Namen vertreten sind. Hören wir die Anklagen, welche gegen die „Liberale Vereinigung" erhoben werden! Der erste Punkt der Anklage ist: Bedrohung der Einheit der deutschen Iudenheit. Weil der Orthodoxie gegenüber sich die „Liberale Vereinigung" gebildet hat, ist die Einheit des Judentums bedroht, und darum bildet die „Freie jüdische Vereinigung" eine . . . dritte Verbindung, um die Einheit wieder herzustellen. Hier vermißt man ohne weiteres die Logik. Wenn schon zwei Vereinigungen die Einheit bedrohen, so geschieht dies doch noch mehr, wenn noch eine dritte hinzukommt. Diese dritte will die goldene Rkittelstraße wandeln. Der Aufruf sagt: „Wir wollen die Partei der Versöhnung sein ... die Partei, die eine Spaltung der Iudenheit verhüten will. . . um aufklärend und belehrend, mahnend und warnend zu wirken. . . . Wir wollen unsere ganze Kraft dafür einsetzen, daß Wahrheit und Frieden in den Gemeinden der deutschen Iudenheit gefördert werde." Keiner bezweifelt, daß die Herren Kollegen das wollen, aber vom „Wollen" zum „Können" dürfte nirgends ein weiterer Weg sein, als wenn man feindliche Gegensätze, vorausgesetzt, daß es feindliche Gegensätze sind, versöhnen will. Der Aufruf betrachtet die Orthodoxie und die „Liberale Vereinigung" als feindliche Gegensätze. Der Orthodoxie wird der Vorwurf gemacht, daß sie „die Anwendbarkeit des Gesetzes der geschichtlichen Entwicklung auf das Judentum grundsätzlich in Abrede stelle und darum alle Zugeständnisse an die moderne Zeit abweise". Der Liberalen Vereinigung wird der Vorwurf gemacht, daß ihr „Programm die Verbindlichkeit der Bibel und der Tradition nur insoweit anerkennen will, als die Quellenschriften mit dem Leben im Einklang stehen". Wenn diese Vorwürfe berechtigt sind, so bilden Orthodoxie und „Liberale Vereinigung" unver-

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