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Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 147

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 147 (sequence 27)
Language
German
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o o o o Ar. GsILfchundt: Existenzberechtigung des liberalen Judentums 147 kennt eben das Lieben nicht. — Merkwürdigerweise richtet sich die Polemik des Herrn prof. Dr. B. nicht eigentlich gegen das endgültige Programm, sondern gegen einen Satz in der Einladung zur konstituierenden Versammlung, welche „Einladung" mit einem „Aufruf" verwechselt wird. „Urteilt ihr selbst!" — so lautet die Polemik — „Mas bedeutet denn der Satz, der in dem genannten Aufruf der „Liberalen" die Begründung einer „Liberalen Vereinigung" für notwendig erklärt, „um", so heißt es dort wörtlich — „um eine Fortführung der jüdischen Religion im Sinne moderner Anschauung herbeizuführen"? Ja, fvas wird das wohl bedeuten? Für den, der die Dinge anschaut, wie sie sind, bedeutet dies das Allereinfachste in der Melt, nämlich folgendes: in den liberalen Kreisen, wo das traditionelle Judentum abgestreift i st, da äst man nur noch dem Namen nach „Jude", hier wird die Juden heit fortgeführt, aber nicht das Judentum, die jüdische Religion, Hier hat die „Liberale Vereinigung" eine „Fortführung der jüdischen Religion im Sinne moderner Anschauung", d. h. im Sinne der Tausende von liberalen Juden herbeizuführen. Um zum Einzelnen überzugehen: jetzt nehmen die Liberalen an keinem Gottesdienste teil, es soll einer geschaffen werden, der ihnen zusagt; jetzt haben sie kein häusliches religiöses Leben, es sollen religiöse Formen aus dem jüdischen Leben, die ihnen Zusagen, gesucht und gestaltet werden usw. Mas hat aber Herr Prof. Dr. Berliner in diesen harmlosen, unschuldigen, übrigens gar nicht offiziellen Satz hineingelesen? „Das heißt doch nichts anderes, als usw.nicht Mose ben Amram und nicht Mose ben Maimon, nicht Jesaja und nicht Ieremia, nicht Killet und nicht Rabbi Akiba haben zu entscheiden, was Judentum ist, nicht ihr Leben und Vorbild sei uns Muster und Richtschnur; das Judentum müsse erst zu Spinoza und Darwin, zu Schopenhauer und Haeckel, zu Delitzsch urib Harnack in die Lehre gehen, um von ihnen.zu erfahren, was uns Religion, was unsals Juden bindend ist, was dem jüdischen Leben als heilig zu gelten hat, von ihnen habe erst das Judentum die Begutachtung der einzelnen Mizwaus einzuholen!" — Es wäre kaum zu glauben, daß ein Mann von der Denkkraft und der Wahrheitsliebe des Herrn Prof. Dr. Berliner, dem die jüdische Missenschaft so unendlich viel verdankt, diesem unschuldigen Satz einen so fernliegenden Sinn Zutrauen konnte. Der hochverehrte Herr Professor weiß so gut wie einer, daß es keinem liberalen Juden einfällt, Haeckel oder Harnack oder gar den höhnischen Delitzsch zur religiösen Autorität fürs Judentum zu machen. Diese Interpretation ist nur dadurch möglich, daß die Drthodoxie feindliche, angriffslustige Prinzipien sieht, wo nichts weiter ist, als friedliche, sich auf sich selbst besinnende Menschen, die gar nicht daran denken, der „böse Nachbar" zu sein, neben dem „der Beste" nicht in Frieden leben kann; die von dem Nachbar nichts weiter verlangen, als die Anerkennung der Berechtigung ihrer Eigenart, natürlich ohne jedes prinzipielle präjudiz. Die „Liberale Vereinigung" ist ein Baum, dessen Murzeln die Menschen und das Leben sind; Prinzipien sollen sich erst aus diesen Murzeln heraus, und nur nach der Triebkraft dieser Murzeln, entwickeln. Für die „Liberale Vereinigung" gibt es keine andere Autorität als die Tatsachen. Steht diese meine Auffassung von unserem „Programm" vereinzelt da? Im besondern: steht diese meine Auffassung von dem Verhältnis der „Liberalen Vereinigung" zur Orthodoxie nicht im Gegensatz zu den Anschauungen, die Herr Dr. Katzenstein-

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