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Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 146

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 146 (sequence 26)
Language
German
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146 Ar. Goldschmidt: Existenzberechtigung des liberalen Judentums dem Untergänge zu bewahren vermöchte" — und nun „wird von den „Liberalen" ein „Programm" in die Welt hinausgesandt, das geeignet ist, auch jenen Rest von Pietät, der sich allenthalben erhalten hat, zu ertöten" usw. Ulan könnte fragen: was beweisen „Klagen von Vätern und Müttern" für die Haltlosigkeit des Liberalismus? vielleicht irren die klagenden Väter und Mütter. Man könnte ferner fragen: wer bestreitet denn die „Göttlichkeit der Thora"? Die Frage ist nur, ob die Göttlichkeit eine instrumentale oder immanente ist. — Man könnte ferner fragen: „wenn nur die Ueberzeugung von der Unverbrüchlichkeit unseres uralten Religionsgesetzes" usw. „vor dem Untergange zu bewahren" vermag — wie stände es dann um die außerjüdische Welt? Ferner: warum kommt auch in den Kreisen, wo diese Ueberzeugung herrscht, „Untergang", Selbstmord usw., vor? Doch das alles bleibe dahingestellt. Die Hauptsache ist, Herr Prof. Dr. Berliner übersieht, daß die Kreise, wo diese Ueberzeugung herrscht, in unserer Zeit, in Deutschland wenigstens, die Minorität ausmachen, und daß diesen eine ungeheure Majorität der Liberalen gegenübersteht, die die entgegengesetzte Ueberzeugung haben: daß der Gegensatz zwischen Lehre und Leben dem Menschen alle Kraft nehme, und da das Leben nicht nachgibt, die Lehre nachgeben müsse, von den ^30,000 Juden in Berlin mögen ja ^0,000 über „die Abnahme des jüdischen Wissens ihrer Kinder" klagen; dagegen klagen gewiß mehr, viel mehr darüber, daß überhaupt hebräisch gelernt und der Gottesdienst nicht in der Muttersprache abgehalten wird. Dasselbe dürfte für ganz Deutschland gelten — und es handelt sich doch um die „Vereinigung des liberalen Judentums in Deutschland" und nicht in Rußland und Polen. wenn man nur diesen Gesichtspunkt festhält, daß die „Liberale Vereinigung" keine Veränderung der bestehenden Verhältnisse, keinen Kampf gegen die .Orthodoxie als Religionspartei erstrebt, sondern nur die Scharen der Liberalen sammeln und organisieren will, dann ergeben sich alle Angriffe des Herrn Professor Dr. Berliner als Schlüsse, die aus falschen Prämissen hervorgehen. Herr j)rof. Dr. Berliner prophezeit: „Diese Tendenz des „liberalen" j)rogramm's wird auch in Zukunft lediglich niederreißen, aber nichts, auch nicht das Gering st e aufbauen; sie wird Zwietracht und Hader in friedliche Gemeinden tragen und den Treugebliebenen einen Kampf aufzwingen, den sie niemals gesucht und immer beklagt haben." Diese jDrophezeihung wird sicher nicht eintreffen. Die „Liberale Vereinigung" wird nichts niederreißen: was wäre denn noch im Kreise der Liberalen niederzureißen? Hat denn das Leben nicht schon alles Niederreißbare niedergerissen? Zittert denn nicht auch 'die Orthodoxie vor den Destruktionen des Lebens? Gs ist ganz unmöglich, daß die „Liberale Vereinigung" „verheerende Folgen" haben könne: Die Orthodoxie will sie nicht bekämpfen, nur vollberechtigter Faktor des Judentums neben der Orthodoxie will sie sein, und im eigenen Kreise kann alles, was geschieht, nur ein Aufbauen und kein Niederreißen sein. — „Mit Schaudern" blickt Herr Prof. Dr. B. „in den Abgrund, in den die „liberale" Lehre ihre Opfer stürzt"! Die liberale Lehre! Darin liegt der Irrtum, wenn es ein „Abgrund" ist, was Herr Prof. Dr. B. sieht, so sind die darin Liegenden nicht Opfer einer „Lehre", sondern des Lebens. Die „Lehre" soll erst jetzt von der Vereinigung hervorgehen, um die „Opfer" aus dem Abgrund emxorzuheben. wer hier die Wirkung einer „Lehre" sieht, der

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