Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 145 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Ar. Goldschmidt: ELrstrnztrrrrchtigung des liberalen Judentums 145 ein Judentum, das in den Kerzen und Geistern des gegenwärtigen Geschlechts lebt — das ist liberales Judentum." Diesen grundlegenden Gesichtspunkt, daß unsere Vereinigung nicht etwas Neues verkünden und verbreiten, sondern bereits Vorhandenes und tatsächlich Lebendiges pflegen, ausbauen und organisieren will, haben alle diejenigen außer acht gelassen, die gegen unsere Vereinigung bisher polemisiert haben. Für die Orthodoxie hat der hochverehrte Herr Professor Dr. A. Berliner, Dozent am Rabbiner-Seminar in Berlin, in einem Rundschreiben „Zum Neujahr 5669" das IVort ergriffen. Herr Professor Dr. Berliner sagt: „Diese Sorge um die Zukunft des Judentums, diese Sorge um unsere Jugend, die Trägerin all unserer Hoffnungen, sie ist es, die uns, nach unserem Empfinden verpflichtet, mit einigen Worten an Tuch heranzutreten, um die Haltlosigkeit, die innern Widersprüche und die verheerenden Folgen der sogenannten „liberalen" Bestrebungen aufzuzeigen." — „Haltlosigkeit, innere Widersprüche, verheerende Folgen" — nehmen wir an, Herr Prof. Dr. Berliner könnte diese Vorwürfe gegen den Liberalismus unwiderleglich begründen: ist damit die Existenz des Liberalismus widerlegt? Za, wenn der Liberalismus eine These, ein theoretisches Programm wäre, dann wäre, er mit dem Nachweis seiner „Haltlosigkeit, seiner inneren Widersprüche und seiner verheerenden Folgen" widerlegt und gestürzt. Aber das Leben, die Wirklichkeit, kann mit solchem Nachweis nicht widerlegt werden. Das Leben, die Tatsachen, sind theoretisch nicht zu widerlegen. Wenn man aus dem Leben und der Wirklichkeit alles wegnehmen wollte, was mit „Haltlosigkeit, innern Widersprüchen und verheerenden Folgen" behaftet ist: was bliebe vom Leben übrig? Goethe entschuldigt seine Gedichtesammlung: „Doch schäme Dich nicht der Gebrechen, Vollende schnell das kleine Buch: Die Welt ist voller Widerspruch, Und sollte fich's nicht widersprechen?" Nehmen wir an, der Standpunkt: „Zch halte zwar nicht mehr die Speisegesetze usw., aber im Herzen bin ich doch Zude und ich würde um keinen preis mich vom Judentum lossagen!", dieser Standpunkt sei haltlos, sei ein innerer Widerspruch und könne verheerende Folgen haben — ist damit die Tatsache widerlegt, daß Tausende und Abertausende unter den deutschen Zuden diesen Standpunkt einnehmen? Nehmt welche Religion ihr wollt: welche bliebe bestehen, wenn sie durch den Nachweis von Haltlosigkeit, innerer Widersprüche und schädlicher Folgen zu existieren aufhörte? Sollte es etwa ganz unmöglich sein, an der Orthodoxie diese Schattenseiten nachzuweisen? Die Religionen e x i st i e r e n, die Orthodoxie existiert, und auch der Liberalismus existiert. Nicht als Theorie, sondern als Leben tritt er auf den Schauplatz, und an Gegenargumenten stirbt das Leben nicht. Aber wir sind weit ^>avon entfernt, anzuerkennen, daß der Nachweis dieser Schattenseiten gegen die Liberale Vereinigung Herrn Prof. Dr. Berliner wirklich gelungen ist. Die Haltlosigkeit soll dadurch bewiesen werden, daß „allüberall Väter und Rlütter . . . über das Schwinden religiöser Pflichttreue klagen .... mehr und mehr sich die Ueberzeugung befestigt, daß nur Ehrfurcht vor der Göttlichkeit der Thora, nur die Ueberzeugung von der UnverbrüchlichkeitunseresuraltenReligionsgesetzes in unserer sturmbewegten Zeit die Schwachen und Schwankenden zu retten, die Strauchelnden auf ihrem Lebenswege vor