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Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 144

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 144 (sequence 24)
Language
German
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144 Ar. Gswfchmidt: EListrnrdrrrchtiguug des liberalen Judentums stenz. wenn es keine Orthodoxen gäbe, als Prinzip hätte die Orthodoxie sicherlich keine Berechtigung. Um so mehr gilt die Existenzberechtigung aus der Existenz für den vernunftgemäßen religiösen Liberalismus. Aus dieser in sich .selbst die Berechtigung tragenden Existenz „folgt von selbst: A. 3m allgemeinen: „Die Notwendigkeit, den ewigen Gehalt und die unveränderlichen Grundlagen der jüdischen Religion in Erscheinungsformen zum Ausdruck zu bringen, die unserer Zeit angemessen sind, damit nicht ein dem Judentum fremder Gegensatz zwischen Lehre und Leben entsteht. Die deutschen Juden müssen unter pietätvoller Anlehnung an die Vergangenheit ihr äußeres Leben mit ihren inneren Anschauungen in Uebereinstimmung bringen, insbesondere darf kein .Gewicht auf die Innehaltung veralteter Vorschriften und Gebräuche und abgestorbener Sitten" — d. h. solcher, die in den großen Kreisen des liberalen Judentums bereits tatsächlich abgestorben sind — „gelegt werden." B. Im besondern: a) „Der Gottesdienst ist gemäß den Bedürfnissen der Zeit" — d. h. wie dieselben in den Kerzen der liberalen Juden tatsächlich sich regen, nicht aber nach theoretischen postulaten oder Mustern von außen her — „auszugestalten, und es ist in ihm der deutschen Sprache ein breiter Raum zu gewähren, damit Geist und Gemüt der Besucher des Gotteshauses Erhebung und Erbauung finde." (Dies gilt selbstredend wieder nur von den liberalen Bekennern des Judentums. Der Orthodoxe findet natürlich gerade in der hebräischen Gebetsprache „Erhebung und Erbauung".) b) „Der Religionsunterricht ist so zu gestalten, daß er die gesicherten Resultate der Wissenschaft berücksichtigt, die Entwicklungsfähigkeit des Judentums anerkennt, dadurch die Schüler mit Liebe zum Judentum erfüllt und sie nicht in Gegensatz zum Llternhause bringt." *) c) „Es muß der Wissenschaft des Judentums der ihr gebührende Platz und Einfluß eingeräumt werden, damit in Wort und Schrift die jüdische Religion in ihrer modernen Gestaltung würdig vertreten wird." ä) „Auf die stärkere Beteiligung der Frau im religiösen und Gemeindeleben ist besonderer Wert zu legen." **) Ich fasse meine Auseinandersetzungen zusammen in die eine These: Die Vereinigung für das liberale Judentum ist nur für die bereits vorhandenen liberalen Juden gegründet, wer liberal ist, der komme zu uns! wer nicht liberal ist, der gehört nicht zu uns; der suche Anschluß dort, wo er seinen Grundsätzen nach hingehört! — prägnanten Ausdruck hat dieser objektiven, äußerst toleranten Tendenz unserer Vereinigung Herr Rabbiner Dr. Seligmann in dem programmatischen Artikel „Zur Einführung" in Nr. l dss. Blattes gegeben. Er sagt: „Lebendiges Judentum, nicht totes. *) Hier ist also das „Elternhaus", das im Gegensatz zur Orthodoxie steht, also Liberalismus als Tatsache des Lebens, vorausgesetzt. Die „gesicherten Resultate der Wissenschaft^ sind natürlich solche, die in den Anschauungen der weiten Kreise des Liberalismus tatsächlich schon herrschen. Das Tribunal dafür sind natürlich nicht die wissenschaftlichen Theorieen, sondern die vorhandenen liberalen Juden. Die tolerante Tendenz, die Selbstbeschränkung auf die eigenen Kreise des Liberalismus liegt klar zu Tage in der Forderung: Es soll kein Gegensatz zum Elternhause entstehen. Wo das Elternhaus orthodox ist, würde natürlich ein Unterricht im Geiste des Liberalismus eben darum zu verwerfen sein, damit kein Gegensatz zwischen den Kindern und dem Elternhause entstehe. **) Auch diese beiden Postulate sind nicht theoretische Gespinnste, sondern in tausenden der Liberalen tatsächlich herrschende Anschauungen.

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