Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 143 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. GoLdfchwidt: EListenzdrrechtigung des liberalen Judentums 143 selbe ist — ihre Kinder aus dem bedrängten Lager feige entfernen. Je mehr selbstbewußte Anhänger das Judentum um sich zu scharen vermag, um so größer wird das Ansehen des Judentums nach innen und außen, und dieses Ansehen des Judentums ist wiederum von größtem Einfluß auf seine Zukunft und seine Gestaltung. Es hat dem Judentum wahrlich nicht geschadet, sondern genützt in jeder Beziehung, daß sich die vielen Gelehrten, Künstler, Philanthropen, Fürsten des Geistes und des Geldes, die nicht orthodox waren, zu ihm bekannten. Indem der Liberalismus verhinderte und geeinigt natürlich noch mehr verhindern wird, daß solche Leute durch das Schema: „nur das orthodoxe Judentum ist das wahre Judentum" aus dem Judentum hinausgedrängt werden, wird es ihm auch noch mehr wie bisher gelingen, die Jugend, dieser Kreise beim Judentum zu rehalten, was der Orthodoxie nie und nimmer gelingen kann und wird. Die kxisten^derecktigung äe5 liberalen tuäentums. Von Dr. J. Goldfchmidt-Offenbach a. JTl. (Schlufj.) Ich will ja zugeben, daß der einleitende Satz der Resolution sich etwas doktrinär anhört. Er lautet: „Der religiöse Liberalismus entnimmt seine Berechtigung aus dem Wesen des Judentums und seiner geschichtlichen Entwicklung und stellt somit neben der Orthodoxie einen vollberechtigten Faktor im Leben der deutschen Juden dar." Das „Wesen 'des Judentums" wird nur nach liberaler Auffassung, nicht aber nach der Orthodoxie die Berechtigung des religiösen Liberalismus begründen, also ist dieser Satz eine xetitio prlneipü. Dieser Satz müßte vielmehr lauten: „Der religiöse Liberalismus im Judentum entnimmt seine Berechtigung 'der Tatsache, daß der größte Teil der deutschen Juden im Denken pnd Leben dem religiösen Liberalismus huldigt, will er auch nicht als Majorität die Orthodoxie als Minorität vorgewaltigen, so stellt er doch durch die Tatsache seiner großen Anhängerzahl neben dex Orthodoxie einen vollberechtigten Faktor im Leben der deutschen Juden dar." In solcher Fassung wäre jedes Mißverständnis und jeder Widerspruch ausgeschlossen. Gegen notorische Tatsachen läßt sich nicht ankämpfen. Alle Gegengründe zerschellen an dem Granitfelsen der Wirklichkeit. Und die Fahne der Gewissensfreiheit macht einen viel imposanteren Eindruck, wenn sie im Rahmen einer mächtigen Majorität, als im Namen eines theoretischen Prinzips geschwungen 'wird. Der eigentliche Sinn dieses ersten Satzes der Resolution ist aber der von uns dargelegte. Es ist das „Wesen des Judentums", das in seiner „geschichtlichen Entwicklung", in der großen 'Zahl der tatsächlich nicht orthodoxen Juden zu. Tage tritt, aus welchem der religiöse Liberalismus im Judentum seine Berechtigung entnimmt. — Geht man von dieser realen Grundlage, von der tatsächlichen Herrschaft des religiösen Liberalismus in den weitesten Kreisen der Iudenheit aus, dann ergeben sich die im Programm entwickelten Schlußfolgerungen von selbst. Der religiöse Liberalismus als Postulat hat keine Berechtigung, denn in Glaubenssachen gilt der Individualismus, und die Ueberzeugung des einen ist für den andern nicht maßgebend. Aber der religiöse Liberalismus als Wirklichkeit und' Tatsache im Kerzen und im handeln von Hunderttausenden hat seine Berechtigung in seiner bloßen Existenz. Was gibt denn der Orthodoxie ihre Berechtigung? Doch auch nur ihre Exi-