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Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 142

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 142 (sequence 22)
Language
German
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142 SLsrr: Dient dir liberale Bewegung zur Erhaltung des Judentums? 0 0 0 O rufen es taut in die jüdische Welt hinaus — wir wollen kein Schisma, wir wollen keinen Kampf gegen die Orthodoxie, wir wollen keine Beeinträchtigung der Orthodoxie in irgend einem Betracht; wir respektieren ihre Anschauungen; nur wollen wir uns nicht unter das Joch der Orthodoxie beugen, nur wollen wir, daß auch unsere Anschauungen respektiert werden. Nur wollen wir vor allen Dingen nicht aus dem Judentum, das wir mit gleicher Innigkeit lieben und das wir uns und unseren Nachkommen erhalten wollen, von der Intoleranz hinausgeekelt werden. wir schaden dem orthodoxen Judentum nicht, wir nützen aber dem Gesamtjudentum gewaltig! .... Es ist, wie gesagt, eine unbestreitbare Tatsache, daß die Orthodoxie in den letzten Jahrzehnten, ja in dem ganzen letzten Jahrhundert von Jahr zu Jahr an Zahl geringer geworden ist, daß sie nicht in der Lage war, ihre Anhänger sich zu erhalten, geschweige denn, aus den Kreisen der Nichtorthodoxen sich neue Anhänger zu schaffen. Aus den nichtorthodoxen Kreisen dagegen sind in den letzten Jahrzehnten von Jahr zu Jahr immer neue Mitarbeiter für die Interessen, auch für die religiösen Interessen der deutschen Iudenheit herangezogen worden, und wenn das nicht in noch größerem Maße gelungen ist, so liegt das zum Teil daran, daß man den Lauen und Gleichgültigen als offizielles Judentum wenigstens nur ein solches hat zeigen können, in dem Glauben und wissen, Schule und Haus, Lehre und Leben in einem scharfen Gegensatz sich befinden. wir liberale Juden, die wir nicht nur liberal, sondern auch Juden sind, haben in den letzten Jahren zur Genüge erfahren, daß das Judentum den Kampf gegen Lauheit und Gleichgiltigkeit seiner Kinder nur dann erfolgreich führen kann, wenn es in einem Gewand erscheint, das der modernen Kultur entspricht. An einem solchen Judentum zu bauen, ohne die ewigen Grundlagen des Judentums zu verlassen, ist aber gerade einer der vornehmsten Programmpunkte unserer liberalen Vereinigung. Freilich müssen möglichst alle nicht mehr auf dem orthodoxen Standpunkt stehenden deutschen Juden, die es ernst mit dem Judentum meinen, ohne Rücksicht auf im Einzelnen abweichende Meinungen um das Banner der Vereinigung sich scharen, damit sie die erforderliche Autorität und die erforderlichen Mittel zur Erfüllung ihrer Aufgaben erhalte — ich betone ohne Rücksichtaufim einzelnen abweichende Meinungen, denn innerhalb der Vereinigung ist es am leichtesten möglich, dahin zu wirken, daß Halbheit auf der einen und Radikalismus auf der anderen Seite nicht die Oberhand gewinnen. Je größer die Zahl der Anhänger unserer neuen Bewegung ist, umsomehr ist die Erhaltung des Judentums garantiert, und wenn man noch so innig an die Wahrheit der Verheißung glaubt, daß der Geist, den Gott auf Israel gelegt, und die Worte,!die er ihm in den M.und gegeben, nicht weichen werden von Israel, von seinen Kindern und Kindeskindern bis in alle Ewigkeit, so ist es andererseits doch richtig, wenn Hellmuth Raem>f in einem Artikel des neuen Organs unserer liberalen Vereinigung auf die Frage: „womit steht und fällt das Judentum . . ." die Antwort gibt: „Mit dem Vorhandensein einer nicht allzu kleinen Zahl von Personen, die noch Juden sein wollen", woraus naturgemäß folgt, daß das Judentum um so kraftvoller dastehen wird, je mehr bewußte Anhänger es zählt. Geeint werden wir zu stände bringen, was dem einzelnen bisher nicht genug gelungen ist: die Zahl der selbstbewußten Anhänger des Judentums zu mehren, Gleichgiltige zu erwärmen und zu verhindern, daß sie sich oder — was vom Standpunkt des kämpfenden Judentums ganz das-

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