Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 141 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Mau: Kirnt die liberale Bewegung zur Erhaltung drs Judentums? 141 zeugung nicht teilen. Diesen soll er klar machen, daß es eine Auffassung des Judentums gibt, die jeden Gegensatz zwischen dem Glauben des Judentums und dem Leben, dem Denken, dem Empfinden und dem Geschmack unserer Zeit ausschließt, und diese will er zur Arbeit in, an und mit dem Judentum aufrufen. Gr will die Nichtorthodoxen bei der Fahne des Judentums erhalten und den Gleichgiltigen zeigen, daß das Judentum noch heute eine Lebensmacht ist und für alle Zeiten hinaus bleiben kann, daß es für seine Bekenner Schätze des Geistes und des Gemütes in sich birgt, deren Aufgeben einen gewaltigen Verlust für die Kultur und für die höchsten Güter der Menschheit ,für Freiheit und Wahrheit bedeutet. Der Liberalismus will den zum Abfall Neigenden den Vorwand nehmen, das Judentum sei in Bezug auf seinen Glaubensstand und seine Ethik irgend einer der anderen positiven Religionen gegenüber inferior. Er will angesichts der Erfahrung, daß aus orthodoxen Kreisen Stammende, wenn sie den Glauben der Orthodoxie aufgeben, fast immer ihr ganzes Judentum, den ositivismus überhaupt abstreifen, diesen Einhalt gebieten, indem er ihnen dartut, daß Orthodoxie und Judentum nicht gleichbedeutend sind. Und wenn hundert mal die Orthodoxie nur ihren Standpunkt für den allein berechtigten hält, so wäre ihr doch mit unserer Bewegung, die ihr niemand und nichts nehmen will, nicht geschadet, sondern eher gedient, dadurch, daß wir in jüdischen Kreisen, die für sie unwiederbringlich verloren sind, das religiöse Gefühl anfachen, wodurch erst der Orthodoxie die Möglichkeit geschaffen wird, auf sie zu wirken und sie in ihrem Sinn zu beeinflussen. Denn nur wo noch etwas Feuer und sei es auch nur ein Fünkchen unter der Asche glimmt, kann ein frischer Brand entfacht werden; ist der letzte Nest von Wärme aus dem Körper geschwunden, dann tritt unabwendbar die Erstarrung, der Tod, ein. Tatsächlich hat denn auch die überwiegende Mehrheit der Orthodoxie das Bestreben gezeigt, den Kreis der Mitarbeiter für die Interessen des Judentums immer möglichst weit über ihre Kreise hinauszuziehen. Sie hat die Mitarbeit der Nichtorthodoxen gern angenommen und dankbar anerkannt, was sie doch gewiß nicht getan hätte, wenn sie diese als Schädlinge am Gesamtkörper oder auch nur als Schadenbringer der Orthodoxie angesehen hätte. Sie ging von der richtigen Anschauung aus, daß, wenn einer schon nicht orthodox ist, es dann besser ist, wenn er wenigstens etwas hält und den jüdischen Angelegenheiten Interesse, noch dazu tätiges Interesse entgegenbringt, als wenn er garnichts glaubt und garnichts hält und stumm und gleichgültig den jüdischen Dingen gegenübersteht. Anders allerdings dachten und denken die Separatisten. Ihnen ist — und das ist eben der charakteristische Unterschied zwischen ihnen und den Gemeindeorthodoxen — ihnen ist ein gleichgiltiger und selbst ein dem Judentum feindselig gegenüberstehender Jude lieber als ein liberaler Jude. Freilich habe ich auch von seiten toleranter Orthodoxen einen Einwand gehört gegenüber der liberalen Vereinigung, nämlich den, daß dieselbe die Gefahr des Schisma nahe gerückt habe, daß unsere Einigung dieses Schisma vielleicht geradezu herbeiführe. Aber dieser Einwand ist wahrlich durch die Sachlage nicht gerechtfertigt. Wer ist es denn, der behauptet hat, daß die Orthodoxen von den Liberalen eine Kluft trennt, größer als die zwischen Katholiken und j)rostanten? Und haben wir Liberale etwa den . Satz aufgestellt: Jude ist nur derjenige, der unsere Anschauungen vorn Judentum teilt? Nein, das Schisma wollen nicht wir herbeiführen, sondern diese Gefahr, wenn sie besteht, droht von der Orthodoxie. Wir — wir