Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 140 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126526-3126533--0558-3127341- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
140 Alarr: Airnt die liberale Bewegung zur Erhaltung des Judentums? 0 O O O Lehrer unterrichten, beteiligten sich im vorigen Jahre an dem Unterricht <)8,?0io aller Schüler und Schülerinnen; unter den fehlenden 1,3o/o befinden sich fast nur Rinder der separatistischen Orthodoxie. Die weitaus tzrößere Mehrzahl der orthodoxen Rinder nehmen an dem Unterricht teil, auch wenn ein nichtorthodoxer Lehrer unterrichtet. warum soll das nicht auch anderswo möglich sein, wenn nur der Unterrichtende den Zweck des jüdischen Religionsunterrichtes richtig ins Auge faßt und den nötigen Takt und die nötige Toleranz besitzt, um den vielfach vorhandenen Gegensatz zwischen Schule und Haus nicht mehr zu urgieren, als die Wahrheit es verlangt? was in Breslau und Frankfurt geht, sollte nicht ebenso leicht erreichbar sein in den anderen größeren Gemeinden, die potent genug sind, um beiden Richtungen die religiösen Existenz-Bedingungen in ihrem Sinne Ai gewährleisten? Gewiß ist das nicht so leicht in d e n Gemeinden, deren Mittel nicht ausreichen, um der Minorität in der Schaffung und Unterhaltung der ihrer Richtung entsprechenden Institutionen in weitem Maße entgegenzukommen. Doch auch in solchen Gemeinden ist, wie Beispiele lehren, zu helfen durch Gewährung der Teilnahme der Minorität an der Verwaltung, durch ein taktvolles Verhalten der Majorität und namentlich der maßgebenden Rultusbeamten, insonderbe^ durch ein weitherziges Gewährenlassen der Selbsthilfe, etwa durch Gestattung der Vereinigung ad hoc mit Gleichdenkenden in Nachbargemeinden usw. Uebrigens ist in den kleinen Gemeinden die Orthodoxie meist in der Majorität. Dort sind es fast immer nur die Liberalen gewesen, die über Vergewaltigung seitens der orthodoxen Mehrheit Rlage erhoben haben; in den wenigen Gemeinden aber, in denen die Orthodoxen in der Minorität sind, haben diese sich bisher teils allein mit nachahmungswürdigem Opfermut, teils mit Hilfe ihrer orthodoxen Gesinnungsgenossen in den größeren Städten zu helfen gewußt — eine vollständige Hilfe wird hier erst eine die Autonomie der Gemeinden unangetastet lassende Organisation derselben herbeiführen — und ich bin überzeugt, daß die Liberalen schon aus dem liberalen Prinzip der Gewissensfreiheit heraus jede Erleichterung namentlich dann gewähren werden, wenn da, wo die Verhältnisse umgekehrt liegen, ihnen in gleicher weise entgegengekommen wird. Bislang ist von einem solchen Entgegenkommen noch nicht viel zu spüren gewesen; es ist freilich bei der Gleichgiltigkeit, die die Liberalen bislang so unvorteilhaft ausgezeichnet hat, selten verlangt worden. Hoffentlich ändert sich das angesichts des neu erwachten religiösen Bedürfnisses auch der Nichtorthodoxen. Nachdem ich im bisherigen die Entstehung der neuen liberalen Bewegung, ihr Programm und seine Ausführungsmöglichkeit dargetan, könnte ich nun an die Beantwortung der Frage gehen: Dient unsere moderne religiös-liberale Bewegung der Erhaltung des Judentums? Zuvor aber möchte ich eine Hilfsfrage behandeln, nämlich die Frage: Schadet untere Bewegung dem orthodoxen Judentum? .Denn wäre diese Frage M bejahen, so wäre m. E. ohne weiteres dargetan, daß die religiös-liberale Bewegung dem gesamten Judentum nicht diene; denn der Schade, der einem Teil und wie ich vorhin ausdrücklich als meine Ueberzeugung hingestellt habe, einem integrierenden Und notwendigen Teil der Gesamtheit zugefügt wird, ist ec ipso ein Schade der Gesamtheit. Allein die Hilfsfrage ist nach meiner innersten Ueberzeugung zu verneinen. ( Die Liberalen wollen der Orthodoxie nicht einen einzigen ihrer Anhänger nehmen. Das Bestreben des Liberalismus ist einzig und allein auf die Rreise gerichtet, die den orthodoxen Glaubensstandpunkt aus Ueber-