Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 136 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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136 Klau: Dient die liberale Krwrgrmg zur Erhaltung des Judentums? aufnehmen, die nicht auf ihrem Standpunkt stehen, selbst solche, die öffentlich den Sabhat und die Festtage entweihen —, will ich sie zusammenfassend hier die separatistischen Orthodoxen nennen im Gegensatz zu der mit den Liberalen in einer Gemeinde vereinigten Gemeindeorthodoxie. Diese Separatisten, die öffentlich erklären — einer ihrer Führer hat es sogar als Sachverständiger vor Gericht bekundet —, daß zwischen ihnen und den nichtorthodoxen Juden eine tiefere Kluft gähne, als zwischen Katholiken und Protestanten; diese Giferer, die nicht einmal im Tode mit den nicht auf ihrem feparatistischen Standpunkt Stehenden — es sei denn, daß sie zu ihrer Gemeinde beitragen — vereinigt sein wollen, diese Herren, die auf die Vereine und die Verbände, so auch auf den Orden Bne Briß den Therem, den Bann gelegt haben und nach ihrer Art ihn gewiß auch zur Ausführung gebracht hätten, wenn sie nur die Macht dazu gehabt, — diese Herren, die bislang es nicht vermocht hatten, weitere Kreise der Gemeindeorthodoxie zu sich herüberzuziehen und so die Führung der deutschen Orthodoxie in die Hand zu bekommen; diese Herren haben in der letzten Zeit, um dieses heiß ersehnte Ziel zu erreichen, eine neue Taktik eingeschlagen: Als einige Führer der Gemeindeorthodoxie, empört darüber, daß der gemeinsamen Arbeit in den Vereinen und Verbänden fortgesetzt zum offenen Nachteil der jüdischen Gesamtheit durch die Separatisten entgegengearbeitet werde, einen Bund her Gemeindeorthodoxie gegen die in der „freien Vereinigung zur Währung der Interessen des orthodoxen Judentums" vereinigten Separatisten gründen wollten, und die Separatisten hiervon Wind bekamen, machten gewandte Führer der letzteren, vor deren Klugheit man allen Respekt haben muß, den oben erwähnten Führern der Gemeindeorthodoxie den Vorschlag, mit ihren Anhängern in die freie Vereinigung einzutreten und diese so zu einem gemeinsamen Organ der deutschen Orthodoxie zu machen; dagegen wollten sie den Therem über die Verbände aufheben und die Rabbiner-Kommission der freien Vereinigung auflösen — eine Kommission oder besser eine Vereinigung von Rabbinern, die die theologische Vertretung der separatistischen Orthodoxie bildete, gegenüber dem „orthodoxen Rabbinerverband", dessen Mitglieder großenteils dem von den Separatisten verfehmten allgemeinen deutschen Rabbinerverband angehören. Auf diesen Vorschlag gingen die erwähnten Führer der Gemeindeorthodoxie ein entgegen dem bewährten Rate anderer; und die deutschjüdische Welt mußte auf einmal das für unmöglich gehaltene Schauspiel erleben, daß Gemeindeorthodoxie und Separatisten plötzlich sich einigten gegen die Nicht orthodoxen, und daß die Separatisten lauter denn je von der religiösen Unmöglichkeit einer Vereinigung orthodoxer und liberaler Juden in Gemeinden und verbänden, von der Kluft redetendie die Orthodoxie, das einzig wahre Judentum, von der „Neologie" trenne. Würde ein solches oder ähnliches Schauspiel sich vor 30 oder selbst noch vor 20 Jahren zugetragen haben, so hätte die überwiegende Mehrzahl der deutschen Juden sich aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht weiter aufgeregt; sie wäre aus dem Indifferentismus, dem sie unheilbar anheimgefallen schien, nicht herausgekommen. Hielt man doch in diesen Kreisen das Judentum als Religion im Stadium der Liquidation und die an Zahl ständig abnehmenden Orthodoxen am wenigsten dazu geeignet, das Judentum wieder lebensfähig in unserer Zeit zu machen. Gs ist ein unwiderlegbarer Beweis für das wiedererwachte religiöse, eben durch die jüdische Arbeit der Liberalen gezeitigte Interesse, daß dieses Schauspiel im Lager der letzteren dieses Mal einen Schrei