Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 135 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Klsu: Airnt dir liberale Bewegung zur Erhaltung des Judentums? 135 Ls ist nicht wunderbar — eher wäre das Gegenteil verwunderlich —, daß eine intensive Beschäftigung mit jüdischen Angelegenheiten eine Erweiterung und Vertiefung der Kenntnis des Judentums erzeugt, und daß diese wiederum das Interesse an und die Liebe zu der Religion der Väter auch bei denjenigen angefacht hat, die ihr bis dahin gleichgiltig gegenüberstanden. Das wird noch leichter erklärlich, wenn man in Betracht zieht, wie sehr in den letzten Jahrzehnten das Interesse an Religion überhaupt zugenommen hat. Lin Nichtvoreingenommener wird leicht das Glücksgefühl der vielen Juden begreifen, die jahrelang ihre beste Kraft der Sache des Judentums aus wirklich oder vermeintlich anderen als rein religiösen Gründen gewidmet haben, und die nun die Ueberzeugung gewinnen, daß auch Ihre Religion, wenn auch in einer mit der althergebrachten nicht ganz übereinstimmenden, aber dennoch wohl begründeten Auffassung die Religion des Judentums ist. Man sollte meinen, daß selbst unsere Orthodoxie dieses wiedererwachen des religiösen Triebes in der deutschen Iudenheit mit Freude begrüßen müßte, umsomehr, als die liberalen Juden — so will ich sie von jetzt ab nennen — auch dort, wo sie in der überwiegenden Majorität waren, an nichts weniger dachten, als von den Orthodoxen zu verlangen, auch nur um Haaresbreite von ihrem Standpunkt abzugehen, umsomehr, als sie — ich berufe mich hier nochmals auf das Zeugnis von Benjamin pirsch — in den von Orthodoxen und Liberalen gemeinsam betriebenen Angelegenheiten auf diese Anschauungen, Gefühle und Empfindungen der Orthodoxie weitgehendste Rücksicht geübt haben. In der Tat hat der weitaus größte Teil der Orthodoxie — zu seiner Ehre sei es gesagt — unter der religiösen Führung von Männern wie Horovitz- Frankfurt a. M., Munk-Marburg, pirsch Hildesheimer und Barth-Berlin, wenn auch nicht' die Berechtigung des liberal-jüdischen Standpunktes anerkannt — das kann man billigerweise von einem Orthodoxen auch vielleicht nicht verlangen —; sie Haben aber die Tatsache, daß weite Kreise der deutschen Iudenheit, wiewohl sie den orthodoxen Standpunkt nicht teilen, trotzdem mit ihnen gemeinsam an den Aufgaben des Judentums mit gleichem Eifer und gleicher Liebe arbeiten, voll gewürdigt und.sich nicht für berechtigt angesehen, ihnen wegen ihrer von der althergebrachten verschiedenen Auffassung das Judentum abzusprechen. Würden diese Elemente in der deutschen Orthodoxie dauernd die Oberhand behalten, so wäre ein Zusammenarbeiten der Orthodoxen und Liberalen, bei der keine der beiden Richtungen zu kurz käme, leicht möglich, und die Einheit des Judentums wäre, wie bisher, so auch weiterhin gewahrt. Da kommt aber nun als Störenfried ein kleiner Bruchteil der deutschen Orthodoxie, nach der Schätzung Benjamin Hirsches an Zahl etwa 15 000 gegenüber zirka 385 000 preußischen und zirka 600 000 deutschen Juden. Sie haben schon lange das Zusammenarbeiten ihrer orthodoxen Gesinnungsgenossen mit den Nichtorthodoxen in den Vereinen, Logen und Verbänden mit scheelen Augen angesehen, weil sie vorgeblich von dieser gemeinsamen Arbeit auch in nichtspezifisch-religiösen Angelegenheiten eine Verwischung der religiösen Gegensätze befürchten, und weil sie allen, die ihren jüdischen Standpunkt nicht vollinhaltlich teilen, selbst dem Konservativsten, wenn er nicht orthodoxer Parteigänger ist, das Iudentunr absprechen, Weil die Anhänger dieser Anschauung sich zu einem großen Teil von den Muttergemeinden losgesagt und neue Gemeinden gebildet haben — in die sie in merkwürdiger und nur aus materiellen Gründen erklärlicher Inkonsequenz wenigstens in Frankfurt auch solche