Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 133

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 133 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126526-3126533--0551-3127334
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Kls« : Kirnt die liberale Bewegung?ur Erhaltung des Judentums? 133 ten und eines feststellten, was seitdem die Grundlehre nicht bloß der religiösen Reform im Judentum, ich darf wohl sagen, des neuzeitlichen Judentums, geworden ist, daß nämlich das Zeremonialgesetz, wie es im Schulchan-Aruch kodifiziert ist, nicht von jeher und unverändert in Geltung gewesen, sondern daß dieses Gesetz je nach Heit und Ort Wandlungen unterworfen gewesen ist, bis es die im Schulchan-Aruch festgestellte Ausgestaltung erfahren hat. Diese Lehre gab dem inodernen Juden die religionsgesetzliche Möglichkeit, ohne von dem historischen Boden des Judentums sich zu trennen, den Wandlungen von Zeit und Mrt auch im religionsgesetzlichen Leben Rechnung zu tragen, und dem Einwand der altfrommen Kreise, das Religionsgesetz des Schulchan- Aruch fei ewig unverbrüchlich und ein Abweichen von der dort festgestellten Lebensregel sei Sünde, mit guten, aus der Geschichte des Judentums geschöpften Gründen zu begegnen. Doch auch die Altgläubigen haben von ihr, wenn sie es auch nicht zugestehen möchten, und wenn auch nur in beschränkterem Maße, profitiert; durch sie sind auch in die altfromme Synagoge Ruhe und Ordnung, der geregelte Gemeindegesang, die deutsche predigt und die Amtstracht der Rabbiner und Kantoren eingezogen. Zn den Augen gar vieler Orthodoxer ältesten Schlages, die allerdings in Deutschland immer mehr aussterben und sich fast nur noch aus Rußland und Galizien rekrutieren, erschien und erscheint noch heute diese von der heutigen deutschen Orthodoxie selbst strengster Observanz ganz allgemein durchgeführte Reform als ein Abweichen vom jüdischen Weg, als Nachahmen christlicher Gebräuche. Diese Reformbewegung von Beginn bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein, die das große, unbestreitbare Verdienst vor der Geschichte hat, daß sie gerade die geistig und materiell potentesten Elemente in den großen Gemeinden, die dem altfrommen Judentum unwiderbringlich verloren waren, von der Taufe abgehalten hat, diese Reformbewegung ist in der Mitte stehen, sie ist ein Torso geblieben. Die deutschen Reformrabbiner der damaligen Zeit haben, was verständlich ist, ihre Zeit mehr damit verbraucht, dem alten Judentum seine zeremonialen Stützen zu entziehen als ihm durch Schaffung eines geläuterterten Zeremonials neue Stützen zu schaffen, die das Gebäude der Religion im innern und äußern Leben ihrer Anhänger tragen konnten. Zhren Anhängern wiederum fehlte die Kraft und der Mut, sich zu organisieren, und es gelang ihnen nicht, die Nichtorthodoxen in den kleineren Gemeinden, die vermöge ihrer Bildung und ihres Einflusses zur Führung der weniger gebildeten Masse berufen waren, aber in ihrer Zsoliertheit einflußlos bleiben müßten, durch Organisation an die große Gemeinschaft zu fesseln. Dazu kam noch eines: der damals auftretende, mit dem Aufblühen der Naturwissenschaften Hand in Hand gehende religiöse Materialismus, dem sich die gebildeten Zud en mehr als die gebildeten Thristen in die Arme warfen, und der gewaltige politische Aufschwung, den Deutschland um jene Zeit nahm, und der die geistigen Kräfte wie der Besten aller im Vaterland überhaupt, so auch der Zuden fast vollkommen absorbierte, der Zuden, die von ihm insbesondere die Erlangung der vollen Emanzipation erhofften. Das war eine öde, unfruchtbare, trostlose Zeit für das Zudentum, und wenn es damals auch weniger Taufen und Abfall gab als heute: das heutige Zudentum ist trotz der vielen Taufen und Kindertaufen im Vergleich zu dem damaligen ein voll lebendiger Kraft strotzendes, es ist aus dem todesähnlichen Schlaf der 60 und?0er Zahre erwacht, und die beiden Prinzen, die das schlafende Dornröschen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.