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Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 132

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 132 (sequence 12)
Language
German
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132 Stau: Mient die liberale Bewegung zur Erhaltung des Judentums? o o o o erhalten, betätigt haben, ihre Auffassung und Betätigung des Judentums neben die orthodoxe als gleichberechtigte zu setzen bestrebt sind. So ist eine neue religiöse Bewegung unter den nichtorthodoxen deutschen Juden entfacht worden, die sich Geltung zu verschaffen und auszubreiten bemüht ist, und die denjenigen gegenüber, die dies leugnen, den Anspruch erhebt, mindestens so wie sie der Erhaltung der Religion des Judentums zu dienen. Ich habe mir die Aufgabe gestellt, diesen Anspruch näher zu präzisieren und seine Berechtigung darzutun. Schon kurze Zeit, nachdem den deutschen Juden die Tore des Ghetto sich geöffnet und ein gesellschaftlicher Verkehr zwischen vielen unter ihnen und der übrigen Bevölkerung sich zu entwickeln begonnen, da rüttelte das neue Leben gar gewaltig an der hergebrachten Lebensführung. Namentlich in den großen Städten, in denen dem Oonuusrelmu, dem sozialen Verkehr, sich bald das Connubium, d. h. Eheschließungen zwischen Juden und Christen zugesellte, verließen nach und nach Tausende die jüdische Lebensregel, den „jiddischen lveg", wie ihn das Volkslied des Ghetto nennt. Und dafür, daß mit der jüdischen Lebensform auch der g e i st i ge Inhalt des Judentums aufgegeben wurde, sorgten die Ideen Voltaires und Rouffeau's, die die gebildeten Juden mit Feuereifer in sich aufsogen. Diese Ideen wiegten sie in den Traum einer allgemeinen Humanitätsreligion, welche alle von der Konfession, der Abstammung und der Geschichte aufgerichteten Grenzen niederriß. Mögen auch die Berichte, wonach ganze Großgemeinden, wie Berlin, durch Taufen und Mischehen als Folge dieses neuen Lebens der Auflösung nahe gebracht worden sind, übertrieben sein: einen Verlust hat das Judentum in jener Zeit erlitten, der in seiner Größe den Aderlässen mittelalterlicher Verfolgungen und moderner Pogrome nicht nachsteht, wenn er sie nicht gar übertrifft. Mährend die großen Gemeinden so dezimiert wurden, blieb in den kleineren, vom Großstadtverkehr unberührten alles beim alten: bis auf den neumodischen Doktor etwa und den halb im Scherz, halb im Ernst, „Philosoph" Genannten und sich wohl selbst so Nennenden, der von der alten und neuen Bildung genascht hatte und die jüdische Le'bensregel nicht oder nicht peinlich 'innehielt, lebte man, wie man früher gelebt hatte, als der Geist der Neuzeit noch nicht an die Tore der Iudenquartiere gepocht hatte — nur mit dem Unterschied, daß das Ueberspringen der alten Schranken nicht mehr ^nit der Strafe des Bannes, ja nicht einmal mehr mit der allgemeinen Verachtung belegt war. Nur die Taufe, der Uebertritt zum Christentum bewirkte eine vollständige Loslösung von den Gemeindegenossen, ein vollkommenes Aufhören aller Beziehungen zu ihnen, insbesondere von Oonuuereium und Connubium; sie wurde dem Tode gleich geachtet, und man trauerte in der Tat um den Täufling, wie um einen Verstorbenen. In den großen Gemeinden aber hätten sich, wenn es so weiter gegangen wäre, die Verluste nicht vermindert, sondern verewigt, wäre nicht in denselben aus den Kreisen der Neumodischen, der Gebildeten, eine Bewegung ausgegangen, die zunächst, dem veränderten Geschmack Rechnung tragend, eine Verschönerung und Grdnung des altfrommen Gottesdienstes in die Mege leitete. Gar bald aber wandte sich diese neue Reformbewegung auch gegen den im Talmud und im Schulchan-Aruch feftgestellten religionsgesetzlichen Inhalt. Mit den Mitteln moderner Gelehrsamkeit ausgerüstete Rabbiner und Gelehrte waren es, die mit den so gewonnenen neuen Fackeln in die alten Geistesschätze hineinleuchten, Kern und Schale in ihnen erkennen und trennen lern-

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