Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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|Uatt: Aient die Liberale Bewegung;ur Erhaltung des Judentums? 131 seres Standpunkts dann am sichersten dargetan zu haben, wenn wir den Beweis erbringen, daß der jüdische Liberalismus nicht auflösend wirkt, sondern der Erhaltung des Judentums in höchstem Maße dient. Wer von uns hätte sich angesichts gewisser in die Augen springender Erscheinungen offenbarer Dekadenz im Leben!der deutschen Juden, wie sie die Gleichgültigkeit weiter Kreise gegen die Religion und der Abfall gerade der geistig und -sozial Hochstehenden unzweifelhaft darbietet, noch nicht die Frage vorgelegt: Geht das deutsche Judentum, das in den vergangenen Jahrhunderten den Kampf um seine Existenz so erfolgreich durchgeführt und sich aus den Zeiten barbarischen Drucks und mittelalterlicher Verfolgung in die Neuzeit hinübergerettet, wirklich in unseren Tagen seinem verfall oder gar seinem Untergang entgegen, in unseren Tagen, wo ihm Licht und Luft, die Freiheit des Bekennens und die Möglichkeit der Betätigung in reichem Maße geworden? In der Tat, wer da sieht, wie nicht etwa nur aus den Kreisen, die am Althergebrachten nicht mehr hängen, sondern auch aus Kreisen, die auf eine jüdische Erziehung ihrer Kinder großen Wert legen und für eine solche jedes Opfer zu bringen bereit sind, wie sogar aus dem orthodoxen Lager heraus unausgesetzt immer neue Elemente der ohnehin schon erschreckend großen Masse der Indifferenten zugeführt werden, der könnte leicht zu der Ansicht gelangen, daß ein solch stark auftretendes und um sich greifendes Erkalten der ehedem so starken Begeisterung für das Erbe einer glorreichen Vergangenheit, ein qualitativ und quantitativ so beträchtlicher und noch dazu nicht aufhörenwollender Kräfteverlust binnen kurzem zu einer Erschöpfung führen muß. Und doch würde eine solche Anschauung der Begründung entbehren. Nicht etwa, daß die Gegner dieser Anschauung, befänden sie sich nun im .orthodoxen Lager oder außerhalb, nicht mit innigstem Bedauern und tiefster Entrüstung diesen Aderlaß sehen und mit allen Mitteln bekämpfen möchten: das nicht, aber es zeigen sich auf der anderen Seite seit etwa zwei Jahrzehnten innerhalb der deutschen Iudenheit so viele Bestrebungen auf Zusammenfassung der für die Erhaltung des Judentums arbeitenden Kräfte, soviele machtvoll einsetzende Arbeit auf Erweiterung und Vertiefung alles jüdischen Interesses, ein so ehrlicher Eifer nach Festigung lau werdender und Wiederheranziehung lau gewordener Elemente, daß man trotz der erwähnten Erscheinungen der Dekadenz doch wiederum von einem allenthalben Sichrühren im deutschen Judentum und nach dem bekannten Worte: „Bewegung ist Leben" von einem neuen Leben im deutschen Judentum zu reden wohl berechtigt ist. Und es hat sich weiter gezeigt, daß, während es bis dahin überwiegend sogenannte orthodoxe Juden waren, die die spezifischen Interessen des Judentums pflegten, und die große Mehrzahl derjenigen, die nicht orthodox waren, durchaus gleichgültig diesen Interessen gegenüberstanden, daß das letztere Element nun auf einmal in inimer größer werdenden Scharen auf den Kampfplan trat, um das Judentum zu kräftigen, neu zu beleben und an seiner fortdauernden Erhaltung zu arbeiten. Es mag sein, daß es zu Beginn dieser Bewegung nicht, wenigstens nicht vorwiegend religiöse Gründe waren, die das Eintreten der nichtorthodoxen Masse für das Judentum, für die jüdische Religion herbeiführten; es ist aber andererseits wiederum wahr, daß in dem Kampfe das religiöse Interesse, das Interesse an der Religion der Väter erwacht ist, und daß die Nichtorthodoxen, die sich in dem Kampfe um die bedrohten Interessen der jüdischen Gesamtheit bewährt, die ihren Willen, dem Judentum zu dienen, es zu