Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Slsrr: Arrnt dir lidrrslr Bewegung?mr Erhaltung des Judentums? wer als Jude nicht Zurückbleiben, sondern seinen Anteil art dem allgemeinen Kultur* fortschritt — dies Wort in seiner besten Bedeutung aufgefaßt — geltend machen will, der entsage darum dem Indifferentismus, der stehe nicht müßig beiseite, so es gilt, eine glückliche Zukunft für das Judentum anzubahnen, der sage sich: es handelt sich um meine eigene Sache, um mein und'meiner Kinder Wohl, die Treue, die ich dem Judentums widme, sie wird mir reich vergolten durch das frohe Selbstbewußtsein, das ich mir durch sie erwerbe, der Gemeinsinn, den ich im Dienste der religiösen Gesamtheit betätige, erhöht meine Lebensfreudigkeit und sichert mir die Dankbarkeit derer, zu denen mein Herz mich doch mit Allgewalt hinzieht, bei denen ich doch in erster Reihe Verständnis und Mitgefühl finde. Das Judentum ist keine Priester- und keine Kirchenreligion, sondern vor allem eine Familien- und Volksreligion, es ist auf die Mitwirkung aller seiner Mitglieder angewiesen und kann nur gedeihen, wenn möglichst ein jeder seine Pflicht und Schuldigkeit tut und die Wohlfahrt der Gesamtheit zu fördern bereit ist. Wir erfreuen uns nicht der liebenden Fürsorge von Seiten des Staates und hegen offen gestanden auch nicht den Wunsch, daß der Staat uns die Sorge für unsere religiösen Angelegenheiten abnehme und sich in unser religiöses Leben und in unsere Institutionen einmische. Wir sind mit jener offenen Stadt im alten Griechenland zu vergleichen, die nach der Anordnung ihres weisen Gesetzgebers nicht durch Mauern und Gräben geschützt werden dürfe, sondern in der Tapferkeit und in der patriotischen Eingabe ihrer Bürger den wirksamsten Schutz finden sollte. Wenn wir tapfer und mutig, ehrenhaft, treu und frei für unsere heilige Sache eintreten, dann braucht uns um die Zukunft des Judentums nicht bange zu sein, dann erblüht uns ein neuer Frühling, der auch den halberstarrten Gliedern unserer t Glaubensgemeinschaft neues, bald frisch pulsierendes Leben einhauchen wird. Möge durch unsere heutigen Religionsgespräche der Anbruch dieses heißersehnten Frühlingstages eine Beschleunigung erfahren! Ansprache des Iustizrats Dr. Blau-Frankfurt a. M. Dient die religiös-liberale Dewegung unter clen deutschen luclen zur 6rhalfung des Judentums? Ueber die Frage: „Dient die religiösliberale Bewegung unter den Juden zur Erhaltung des Judentums?" will ich zu Ihnen reden. Ja aber in welchem Zusammenhang steht denn diese Frage mit den Berliner Religionsgesprächen? — so könnte man mir entgegenhalten. Nun ich glaube, daß ein starker innerer Zusammenhang zwischen beiden besteht. Aehnlich wie den liberalen jDrotestanten von ihren orthodoxen Glaubensgenossen der Zusammenhang mit der christlichen Tradition bestritten, und der liberale. Protestantismus von ihnen als unchristlich, als ketzerisch hingestellt wird, wird auch den liberalen Juden von vielen Orthodoxen ihr Zusammenhang mit der jüdischen Tradition, mit dem alten Judentum, abgesprochen. Um diesen Zusammenhang, die Berechtigung des liberalen protestantischen Standpunktes gegenüber den protestantischen Orthodoxen darzutun, sind die Berliner Religionsgesxräche von den liberalen protestantischen Pastoren inauguriert worden. Genau das Gleiche wollen wir liberale Juden gegenüber unseren sogenannten traditionell gesetzestreuen Brüdern tun, und wir glauben, die Berechtigung un-