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Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 129

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 129 (sequence 9)
Language
German
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o o o 129 Usgelstein: Zukunft des Judentums den Lebensweg zu ebnen und den Stein des Anstoßes wegzuräumen, den ihnen bei den nun einmal herrschenden Vorurteilen die Zugehörigkeit zum Judentums auf den Pfad rollen könnte. Line schöne Liebe das, von dem Strebertum gezeugt, von der Charakterlosigkeit geboren! Line rührende Liebe, die zwischen Lltern und Rindern eine Scheidewand errichtet, die die Rinder in' die Zwangslage bringt, im Religionsunterricht vielleicht mit anzuhören, daß die Lltern, weil im Irrglauben verharrend, vom ewigen Heil ausgeschlossen sind und der Seligkeit nicht teilhaftig werden. Im morgenländischen Alterturn war der Rultus des schrecklichen Götzen Moloch weit verbreitet, seine Verehrung bestand darin, daß man ihm Rinderopfer darbrachte, daß man zarte unschuldige Wesen ihm in die glühend gemachten Arme legte, so daß sie jämmerlich verbrannten, — ein empörender Greuel, den die mosaische Lehre und die. Propheten mit dem stärksten Aufgebote sittlicher Lntrüstung bekämpften. Lrst gestern haben wir in der Thorahvorlesung einen solchen Lntrüstungsschrei vernommen. Der Molochdienst in unseren Tagen ist nicht so blutig, aber ebenso empörend^ denn er besteht darin, daß dem Götzen der Litelkeit und der Ehrsucht die Rinder geopfert werden, daß man sie der unlauteren Glut niederer Leidenschaft preisgiebt, daß in ihre jugendliche Brust von der Hand der eigenen Lltern das Samenkorn der Zwiespältigkeit gestreut und dadurch eine Verwirrung erzeugt wird, die nicht anders als schädlich, ja verderblich wirken kann. Ich habe bis jetzt noch nichts davon gehört und auch in den Schriften der ärgsten Judenfeinde nicht gelesen, daß die früheren jüdischen Lltern, die ihre Rinder zu guten, treuen Juden zu erziehen bemüht waren, es an der liebenden und zärtlichen Fürsorge für ihre Sprößlinge hätten fehlen lassen und von dem modernen Vater und der hochmodernen Mutter unserer Tage einer Rorrektur bedurften. Soweit mir bekannt — und ich denke, Sie alle haben dieselbe Erfahrung gemacht und erinnern sich ihrer aus der Jugendzeit mit rührender Dankbarkeit — sind die Familienbande, an sich schon so innig und fest, durch das gemeinsame Band der Religion, das sich in jüdischen Mausern um Lltern und Rinder schlang, nur noch inniger, fester und heiliger geworden, unddarum haben wirauch keinverständnisundwollenkeines haben für diese neumodische Art von Llternzärtlichkeit, die ihren Rulminationsxunkt und ihre Iveihe am Taufbecken findet. Genug und übergenug von solcher Umwertung aller Werte! Rur noch ein kurzes aber eindringliches Schlußwort an die Gleichgültigen und Raltherzigen in Israel, die sich mit dem Namen „Jude" begnügen oder auch mit der leidigen Tatsache, daß sie nun einmal diesen Namen führen, sich abfinden, für die Religion und die religiösen Angelegenheiten jedoch ihr sonst für alles Gute und Schöne reges Interesse völlig verleugnen. Müßten sie nicht aus den Religionsgesprächen und dem ungeheuren Zulauf zu ihnen die Erkenntnis gewonnen haben, daß es mit der nüchternen materialistischen Weltanschauung, die allzu lange die Geister und Gemüter beherrscht hat, abwärts und allmählich zu Ende geht, daß die Menschheit des Segens, den die Religion ihr beut, auf die Dauer nicht entraten kann und nicht länger entraten will, daß sie es fühlt, wie sie trotz aller Fortschritte der Mechanik und der Naturwissenschaften, trotz der Eroberung der Luft und des Auffluges in die lichten Aetherhöhen verflacht und der inneren Befriedigung ermangelt, wenn sie die religiöse Weihe und Erhebung aus dem Programm ihres Lebens streicht? Wer den Zug der Zeit versteht.

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