Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 128 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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128 O O o o Nogrlstern: Zukunft des Judentums die Lehre ist da und sie wird bewahrtwerden: dafür, bürgt ihr Inhalt, denn sie enthält die höchste und von jeder verfälschenden Beimischung rein gebliebene Wahrheit, sie erschließt uns die Erkenntnis eines einig-einzigen, allmächtigen und heiligen Gottes, sie stellt an uns keine Zumutungen, gegen die die Vernunft sich sträubt, sie verleiht unserem Gemüte, unserem irdischen Dasein die unentbehrliche Weihe, sie regelt unsere Beziehungen zu den Nebenmenschen nach den Gesetzen der Gerechtigkeit und Liebe, sie legt uns die Verpflichtung der Selbstheiligung, des Strebens nach geistiger und sittlicher Vervollkommnung auf. Rann es Erhabeneres, Schöneres und Edleres geben? Ist solcher Lehre nicht ein Ewigkeitswert verliehen, nicht das Gepräge unvergänglicher Dauer aufgedrückt? Und muß es nicht auch dem blödesten Auge klar werden, daß eine Religionsgemeinschaft, die eine geschichtliche Vergangenheit sondergleichen aufzuweisen hat, die alle gegen sie gerichteten feindlichen Angriffe, sei es, daß sie mit den Waffen der rohen Gewalt, sei es, daß sie mit den Waffen der Wissenschaft und der Gelehrsamkeit unternommen wurden, siegreich abgewehrt und trotz der Ueberzahl und der Uebermacht ihrer Gegner sich behauptet hat, kräftig und kernig geblieben ist — muß es nicht einem jeden einleuchten, daß sie eine heilvolle Zukunft zu gewärtigen hat, daß ihre Erhaltung im plane der göttlichen Vorsehung gelegen ist? O gewiß! Das Judentum wird nicht unter gehen, es wird dauern und bestehen. Freilich nur unter einer selbstverständlichen Voraussetzung, unter einer unerläßlichen Bedingung, daß wir nämlich auch das Unsrige tun, um eine glückliche Zukunft zu verdienen und ihrer würdig zu werden, daß wirdemIudentum die Treue halten, die unsere Vorfahren unter Wärtern und Dualen nicht verleugnet haben. Doch mit tiefer Beschämung müssen wir es eingestehen, daß das gegenwärtige Geschlecht, d. h. ein nicht unerheblicher Bruchteil desselben, es mit dieser Treue nicht sehr ernst nimmt und den heiligen Eifer vermissen läßt, der sich gleich weit entfernt hält von Fanatismus wie von Gleichgültigkeit und Rälte. Da sind zunächst die Abtrünnigen, die sich vollständig vom Judentum lossagen, die um irdischer Vorteile, um äußerer Ehren, Auszeichnungen und Beförderungen willen fahnenflüchtig wurden und mit ihren Lippen ein neues Glaubensbekenntnis ablegen, das sie im Herzen verwerfen. Vor der ehrlichen Ueberzeugung eines jeden aufrichtigen Christen haben wir Respekt, ihr bringen wir Achtung und Verständnis entgegen. Das Judentum ist stets tolerant, ja voller Anerkennung für die religiösen Anschauungen anderer gewesen, ich brauche nur an das Wort des Talmud, dies vielverlästerten und wenig gekannten, zu erinnern: „Die Frommen und Tugendhaften aller Völker haben Anteil am ewigen Leben." Aber wer ohne Ueberzeugung, aus weltlichen Motiven, aus Gründen der Eitelkeit und Ehrsucht sich von der jüdischen Religion abwendet und zu einer andern übergeht, der entweiht nicht nur das Andenken seiner Väter, die für ihren Glauben gelitten und geblutet, der fällt nicht nur seinen bisherigen Religionsgenossen in den Rücken und schwächt ihre Rraft, er handelt auch geringschätzig und verächtlich gegen die Heiligtümer des Glaubensbekenntnisses, dem er sich äußerlich anschließt, ohne ihm innerlich anzugehören, der ist abtrünnig im doppelten Sinne des Wortes. Und nicht gelinder kann unser Urteil über die ausfallen, die ohne für ihre eigene Person das Band zu zerreißen, das sie mit dem Judentum verknüpft, ihre Rinder zur Taufe führen, angeblich aus reiner väterlicher und mütterlicher Liebe, um ihnen