Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o 127 Asgelstein : Zukunft des Iudrnturus Lösung zuzuführen. In unseren Tagen freilich fehlt es nicht an bangen Zweiflern in unserer eigenen Mitte, die dem Optimismus, den man bislang fast als eine spezifisch jüdische Eigenschaft zu bezeichnen berechtigt war, den Rücken gekehrt haben und in das Lager der Pessimisten übergegangen sind, die angesichts der vielen Gegner, die dem Judentum erstanden sind und immer neu erstehen, angesichts der unausrottbaren Vorurteile, die über unsere Religion verbreitet sind, angesichts der Machtfülle und der Siegesgewißheit, mit der die herrschende Religion auftritt und durch die sie die Massen blendet, angesichts vor allem der Gleichgültigkeit und Abtrünnigkeit, die im jüdischen Lager in erschreckender Weise um sich gegriffen — es fehlt, sage ich, nicht an Pessimisten, die den Glauben an den Fortbestand und die gedeihliche Entwicklung des Judentums verloren haben, die es als auf dem Aussterbeetat stehend mit mitleidsvollen Blicken betrachten und ihm nur noch für wenige Generationen ein zu langsamer Auflösung führendes Siechtum xroxhezeihen. Steht uns solche Rkutlosigkeit an? Haben wir in Wirklichkeit Veranlassung uns selbst aufzugeben und unsere Rolle als ausgespielt zu bezeichnen? Nun ich sollte meinen, daß abgesehen von allen inneren Gründen schon die Erscheinungen, die in der christlichen Welt vor sich gehen und die namentlich in den Berliner Religionsgesprächen so deutlich hervorgetreten sind und die Situation hell und grell beleuchtet haben, eine nicht mißzuverstehende verneinende Antwort erteilt haben. Mehr und mehr zeigt es sich, daß die Grundlagen, auf denen das kirchliche Gebäude ruht, ins Wanken geraten, daß die Dogmen von der Dreieinigkeit, dem Gottmenschen, der Erbsünde und dem Mittler ihren Halt- und Stützpunkt verlieren, daß die Gebildeten und auch die freier denkenden Geistlichen und Lehrer der Theologie sich offen von diesen Dogmen lossagen oder, was dasselbe ist, sie künstlich so umdeuten, daß sie dem jüdischen Lehrbegriff nahe, sehr nahe, ganz nahe kommen. Die bloße Frage: „Hat Jesus gelebt?" wie sie auch beantwortet wird, ob im positiven oder negattven Sinne, sie beweist, daß der Fels, auf dem die Kirche aufgebaut ist, bedenkliche Risse und Spalten erhalten hat, die sich nicht mehr verbergen oder übertünchen lassen. Denn für das Lhristentum ist die Persönlichkeit seines Sttfters, ist die Idealgestalt, die ihm die neutestamentlichen Bekenntnisschriften verliehen haben. Ausgangs- und Mittelpunkt des Glaubens, Stern und Kern der Religion. Das Judentum dagegen kann Persönlichkeiten entbehren, es kann die Kritik frei walten lassen über alle seine großen Männer, ginge sie selbst soweit — was sie freilich nur in keckem Uebermute Lun würde — Moses ganz aus der Geschichte zu streichen. Wir würden ein solches Beginnen vielleicht beklagen; aber ist es Moses, ist es sonst einer der Mitwirkenden, auf denen das Judentum erbaut ist? Die Lehre ist da, in ihr liegt sein Glaube und sie wird bewahrt werden. Diese letzteren Worte sind nicht von mir, sie rühren von dem großen Gelehrten und Forscher her, dessen Namen wir in diesem Monate, anläßlich seines hundertjährigen Geburtstages mit erhöhter Verehrung und Dankbarkeit über unsere Lippen bringen. Abraham Geiger hat sie gesprochen und niedergeschrieben schon ein halbes Jahrhundert, bevor an die Berliner' Religionsgespräche gedacht wurde, und er hat damit einen der wesentlichsten Unterschiede zwischen Judentum und Thristentum hervorgehoben, hat über die Zukunft unserer Religion ein klares Urteil gefällt. I a,