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Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 126

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 126 (sequence 6)
Language
German
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126 O O o o Usgelstein: Zukunft Lrs Judentums wissen, wer wir sind und weshalb wir es sind; wir sind Juden, weil wir Gott über uns wissen und die Wahrheit auf unserer Seite; wir sind Juden, weil wir überzeugt sind, in unserer Religion die Zukunft zu besitzen." _ Ansprache des Rabbiners D r. Vogel st ein-Stettin. Die Ausführungen, die ich in schlichter Form Ihnen zu bieten im Begriffe stehe, knüpfen ebenso wie die meiner Vorredner an die Berliner Religionsgespräche an, haben es aber weniger mit dem Rückblick in die Vergangenheit als mit dem Ausblick und der Vorschau in die Zukunft zu tun. Haben uns die Religionsgespräche einerseits die erfreuliche Gewißheit gebracht, daß die religiösen Angelegenheiten, — ich will nicht sagen, in den Vordergrund des öffentlichen Lebens getreten sind, aber doch aus dem Seitenwinkel, in den sie lange Jahre verbannt waren, hervorgeholt werden, so haben sie andrerseits bei vielen Denkenden, die sich mit der bloßen Zurkenntnisnahme der Tatsachen und mit dem augenblicklichen Eindruck, den derartige Erscheinungen Hervorbringen, nicht zufrieden geben, sondern ihnen auf den Grund sehen und namentlich aus ihren Ursachen auf die von ihnen zu erwartenden Wirkungen schließen, die Frage nach dem zukünftigen Schicksal der Religion überhaupt angeregt, und da dürfte es vor allem auch uns nahe liegen, uns soweit es möglich ist, das Zukunftsbild des Judentums auszumalen, wobei wir natürlich recht vorsichttg zu Werke gehen, Licht und Schatten gleichmäßig und gerecht verteilen müssen. Wohl hat nach dem Ausspruche des alten römischen Dichters die Gottheit den Ausgang der künftigen Zeit weise mit finsterer Nacht bedeckt, und auch die Bibel ruft dem, der den Schleier der Zukunft zu heben sich anschickt, warnend zu: „Das Verborgene ist des Ewigen unseres Gottes." Aber sie fügt dieser Warnung bezeichnenderweise die Bemerkung und Mahnung an: „Das Geoffenbarte ist für uns und unsere Rinder, daß wir alle Worte dieser Lehre befolgen." Mit anderen Worten und auf die uns beschäfttgende Frage angewandt, heißt dies: Wenn dir' auch die Schicksale, die in der Zeiten Schoße für das Judentum schlummern, verhüllt bleiben, so ist dir doch die Möglichkeit geboten oder vielmehr die Pflicht auferlegt, auf ihre günstige Ausgestaltung selbsttätig einzuwirken, indem du die Lehren beherzigst, welche die Vergangenheit dir erteilt, indem du Sorge trägst, daß das dir in deinem Schrifttume und durch den Gang der Geschichte Geoffenbarte dein und deiner Rinder bleibendes Eigentum wird. DieZukunftdesIudentums? — Unsere Vorfahren haben in den allertraurigsten Zeitverhältnissen und von den heftigsten Versolgungsstürmen umbraust fest an sie geglaubt, jeder Zweifel an der ewigen Dauer der jüdischen Religion hätte ihnen ein sündhafter Gedanke geschienen, den sie nimmermehr in sich aufkommen lassen dürften. Mochten ihre übermächtigen fanatischen Gegner immerhin ihnen den baldigen Untergang prophezeien, das Leichentuch für sie in Bereitschaft halten und ihnen den Grabgesang anstimmen: In ihrem Innern hallte das j)salmenwort ermutigend wider: „Ich sterbe nicht, nein, ich werde leben und die Taten Gottes erzählen." Und ihre Zuversicht hat sich bewährt; wir, wir leben und erzählen aller Welt, daß die Rraft des Judentums nicht gebrochen, daß der Gottesgeist, der über unsere Väter ausgegossen worden, auch auf uns ruht, auch uns befähigt, an der Israel gewordenen Aufgabe rüstig zu arbeiten und sie ihrer

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