Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126526-3126533--0543-3127326- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
125 Baeck: Unsere Stellung zu den Nrtigionsgesprächrn Erzählung von dem Merodes, der von Würmern zerfressen ward, zur Strafe für seinen Hochmut. Alan könnte so das Christentum und seine alten Urkunden zeichnen, und das wäre nur die Methode, die gegen Juden und Judentum immer beliebt worden ist, diese Methode, die darin besteht, daß jedes Spinngewebe und jedes Staubkügelchen, das irgendwo in irgend einem Jahrhundert in irgend einer Ecke des Judentums vergessen blieb, hervorgeholt und triumphierend in die Höhe gehalten wird: „Seht, das ist das Judentum!" Jedoch, wir steigen nicht hinab, wir wollen diese unnoble und unredliche Art, die gegen uns geübt wird, nie nachahmen; wir wollen die geistigen Rümpfe mit sauberen fänden und sauberen Waffen führen, wir beurteilen das Christentum vor allem nach dem, was in ihm hoch steht, wenn wir so das Höchste und Beste ins Auge fassen, wir können auch dann nur wiederholen: das alles besitzen auch wir in .unserem religiösen Gut, das ist unser gesichertes Eigentum. Und das alles wiederum, was im Fortschritt der Tage ernste, denkende Christen in ihrem überlieferten Glauben als drückend empfinden, wovon ihr religiöses Gewissen loszukommen sucht, das ist es gerade, wovon das Judentum sich freigehalten, wogegen es immer gekämpft hat, und was in die christliche Rirche damit erst hineingedrungen ist, daß sie sich vom Judentum entfernt hat. Darum, wenn kluge Leute zu uns kommen und uns sagen, unsere Bestimmung sei es, in dem ‘ herrschenden Bekenntnis aufzugehen und unterzugehen, antworten wir ihnen: „Mit Verlaub, ihr Herren, soll es denn eine Bekehrung geben, dann bekehret euch zu uns! Zu uns möget ihr kommen, wenn ihr die Lehre der Wahrheit sucht; wir sind nicht von gestern und ehegestern erst, und wir sind nicht bloß für morgen und übermorgen." Vielleicht gibt es zaghafte Gemüter, denen es bedeutsam erscheint, das aller Welt zuzurufen. Allein wir leben in einer Zeit, wo das wehen eines höheren Geistes wieder über die Erde geht, und wer sich versteckt, der ist dieser Zeit und ihres Geistes nicht wert. Als vor zwei Menschenaltern die Stürme des völkerfrühlings auch nach Oesterreich hinüb erfuhren, da sprach dort ein Mann, Adolf Fischhof, ein Wort, das bald ein geflügeltes wurde: „wer in Tagen, wie diese, keinen Mut besitzt, der gehört in die Rinderstube hinein!" wenn auch Unter uns manch einer sich am liebsten ängstlich sortschleichen möchte vor der Pflicht, sich zu bekennen, wenn Juden in Haltung und Wort zu sagen scheinen: „Entschuldiget vielmals, daß ich existiere!" dann rufen wir ihnen zu: „Wenn ihr in dieser Zeit nicht sagen noch wissen wollt, wer ih» seid und was ihr seid, dann hättet ihr in der Rinderstube bleiben sollen, in die ihr hineingehöret!" wir sind eine Minderheit, und vielleicht ist es ein Teil unseres geschichtlichen Berufes, das zu sein, durch unsere Existenz schon den Satz zu vertreten, daß es wahre Gerechtigkeit erst dort gibt, wo sie auch jeder Minorität zu teil wird, wir führen den Ramps um sie, diesen Rampf um unser Recht. In ihm mögen wir es beherzigen, was so oft vergessen wird: Reine Minorität, die ihren eigenen Glauben hat, kann ihre Gleichberechtigung durchsetzen, so lange sie nicht für ihre Religion den Respekt erkämpft hat. Wir haben gestritten und streiten um Stellungen und Aemter; aber das alles wird auf die Dauer nichts fruchten, wenn wir nicht für unsere Religion vor allem streiten, um ihr die Achtung zu erringen, die ihr zukommt. Die echte, die ehrliche und ausrichttge Anerkennung werden wir uns endlich erwerben, nur wenn wir offen und stolz es immer bekennen: „wir