Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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124 Merk: Unsere Stellung zu den Neligionsgesprächen den anderen nicht gerade verwöhnt werden, wer selbst Religion besitzt, wer um die Klarheit seiner Ueberzeugung gekämpft hat, der wird auch dem, was seinem Mitmenschen ein Heiligtum ist, Ehrfurcht entgegenbringen, diese Ehrfurcht vor dem Glauben hegen, die der Anfang aller echten Toleranz ist. An ihr hat es unter uns nie gefehlt und soll es nie fehlen. Als in Berlin Meyerbeers Hugenotten zum ersten Riale aufgeführt wurden, soll Friedrich Wilhelm IV., dem ja ein Witz über vieles ging, gesagt haben: „Katholiken und Evangelische schlagen sich die Köpfe blutig, und der Jude macht die Musik dazu!" Solche Musik ist unter uns nicht erklungen, solches „Judentum in der Musik", um mit Richard Wagner zu sprechen, hat es nicht gegeben. Wir kennen den Gesang, den man im Judentum damals anstimmte, als Katholiken und Reformierte, Lutheraner und Wiedertäufer das scharfe Schwert gegen einander führten; wir kennen die wieder, die von Juden damals gedichtet worden sind. Kein Laut der Schadenfreude klingt daraus hervor, kein billiger Triumphgesang, sondern nur der Ton der frommen Hoffnung, daß trotz allem einst die Menschen insgesamt als Brüder sich zusammenfinden werden. Dem Judentum hat es nie an der geistigen Unbefangenheit, diesem besten Liberalismus, gefehlt, allem, was weltgeschichtliche Bedeutung besitzt, diese auch zuzugestehen, wir betonen mit Stolz, daß das Judentum nie eine bloße Konfession geworden, die alleinseligmachend das Lsimmelstor vor den Andersgläubigen zuschließt, sondern immer Religion geblieben ist. Wie sehr es das immer geblieben, das hat sich vornehmlich in dieser Freiheit gezeigt, mit der es anderen Religionen gerecht zu werden, ihnen ihren wert zuzuerkennen vermocht hat, obwohl es nicht immer gerade Religion war, die es von den anderen, zumal vom Christentum, erfuhr. So ist es für uns geschichtliche Pflicht und geschichtliches Recht, den Streit, der jetzt die Gemüter im Protestantismus erregt, auch an uns herandringen zu lassen, und wir wünschten nur, daß man uns das gleiche täte, daß vielleicht unsere evangelischen Mitbürger sich einmal, mit unbefangener Sympathie, offen über die Fragen unterhielten, die die deutsche Iudenheit bewegen. wir haben heute den Anfang gemacht. Aber wenn so das Problem auch, dem jene Religionsgespräche galten, unsere Anteilnahme weckt, die Antwort, die es finden mag, ist für uns bloß eine historische Angelegenheit. Für unser Judentum hat es nichts zu bedeuten, ob die Geschichte Jesu, das Bild eines wirklichen Lebens oder nur ein Mythus ist. Denn was im Christentum groß und heilig ist, das alles, wir dürfen es getrost aussprechen, das alles ist ein altes, sicheres Besitztum unserer Religion. Es gibt in der christlichen Literatur keinen edlen und frommen Satz, der nicht seit altem und langem auch aus dem jüdischen Schrifttum uns deutlich und edel entgegenklingt. Mit allem Respekt, den wir den Andersgläubigen schulden, aber auch mit all der Selbstachtung, die wir uns schulden, sprechen wir es aus: wir haben nichts Neues im Neuen Testament erhalten, für uns ist das Neue Testament, soweit es Sittlichkeit und Frömmigkeit verkündet, ein Altes. In ihm steht ja auch — und davon verlautet allerdings seltener die Kunde — manch anderes noch außer dem Vaterunser, und man könnte seine Geschichte recht eigenartig zusammensetzen von dem fünften Kapitel im Evangelium Marci an, das von dem Besessenen in Gadara erzählt, dessen böse Geister Jesus in eine Herde von Schweinen hineinfahren hieß, so daß diese, bei zweitausend an Zahl, sich in den See stürzten und darin ertranken, bis hin zur