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Liberales Judentum · 1910-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1910) · p. Seite 123

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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Karck: Unsrer Ktrllnns;n drn RrLrgisnsgrspeächrn 123 Man wird in höherem Maße Ehrfurcht empfinden vor der indischen Vergangenheit, einer Vergangenheit, die schließlich nichts anderes war als eine Unterordnung des Lebens unter den großen Gedanken der Pflicht, eine beispiellose Treue gegen eine übernommene Aufgabe, und man wird stolz sein, dieser Vergangenheit als ein Glied der Gegenwart sich anreihen zu dürfen. Die Sammlung der heutigen Duden um ihr altes Banner wird erfolgen — nicht wenn wir diesem Banner eine neue Aufschrift geben, oder wenn wir ihm andere Farben verleihen, die greller und ungewohnter in die Augen springen, sondern wenn der Ruf nach Sammlung treuere Herzen, empfänglichere Gemüter, tapferere Streiter findet. Darum lassen Sie uns auch in unserem engeren Kreise, in der liberalen Vereinigung, diese große Not der Zeit fest im Auge behalten. Schenken wir zartfühlende Aufmerksamkeit dem religiösen Sehnen, wo immer und in welcher Form es sich ans Licht wagt, pflegen wir diese schüchternen Pflänzlein frommer Gesinnung mit behutsamer Hand und wachsamem Auge! Dienen wir der Religion und dem Judentum durch weitherziges Entgegenkommen, durch milde Verkündigung, durch unermüdliche Geduld und ein Leben in seinem Sinne, wenn dann unter den Stürmen, die heute uns umbrausen, ein neuer Frühling hervorbricht, ein Frühling des Wachsens und Werdens, dann haben auch die Berliner Religionsgespräche zu ihrem Teil in unseren Reihen ihnen Segen gewirkt. Ansprache des Rabbiners Dr. Baeck-Düsseldorf. Untere Stellung zu den Religionsgefprdchen. Wie stehen wir der Frage gegenüber, ob Jesus Thristus gelebt hat, wie weit erfaßt uns dieses Problem, das in den Berliner Religionsgesprächen vor die große Oeffentlichkeit trat? Der Antwort hierauf geht eine fernere Frage noch voran: Berühren uns denn überhaupt die geistigen Kämpfe, von denen andere Religionen erregt werden? Haben wir nicht genug mit uns selber zu tun, und ist es nicht schließlich das Klügste auch, wenn sich draußen zwei streiten, still hinter sich die Türe zu schließen und höchstens einmal zum Fenster neugierig hinunterzuschauen? Allein, wer unsere Geschichte kennt, weiß, daß das Judentum ein solch zaghaftes, weltfremdes Sonderdasein nie geführt hat. Es gab Zeiten, und sie liegen za noch nicht in grauer Vergangenheit, in denen man unsere Väter ins Ghetto hineinpreßte, aber auch dort hat keine Mauer vermocht, den geistigen Zusammenhang mit dem, was die Jahrhunderte bewegte, ihnen zu versperren. was fern und nah sich auf den Feldern des Glaubens abspielte, faßten sie als ein geschichtliches Erlebnis auf, als etwas, was die israelitische Gemeinde, was die Mutter der Religionen auch anging. Unsere Religion hat uns immer gelehrt, den Blick in die Ferne zu richten, in die Zukunft, auf die wir hoffen. Aber ganz ebenso sollen wir auch immer in die Weite schauen, zu allen Völkern, zu allen Bekenntnissen hin, um den großen Horizont, den Blick für das menschheitumfassende Leben der Religion zu gewinnen, wir haben keine Angst davor, daß unter uns einer zu viel von Religion und Religionen erfahre, daß einer in diesem Wissen zu weit gehen möchte; wir wollen keinem Scheuklappen anlegen. Sich hineinzufühlen in das seelische Ringen und Streben des anderen, das ist za auch ein Stück Menschenliebe. Das ist ein Teil der Achtung, die wir seinem Glauben schulden, mit der wir freilich von

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