Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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122 Kochfrld: Krranlgffung der Berliner Rrligisnsgrsprächr Vorgängen, die sich in den Kreisen der Intellektuellen abspielen, erlahmt bei der großen Masse das Interesse für die heiligen Güter, die Vätern und Urvätern Trost und Stütze waren, weiter Kreise bemächtigt sich eine Stimmung, die an das Bibelwort erinnert: „Laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot." Und nun erleben wir in der unmittelbaren Gegenwart das aufregende Schauspiel einer Gedankenschlacht, in der es sich um nicht mehr und weniger handelt als um das Zentrum des Bekenntnisses unserer andersgläubigen Mitbürger, um ihr A und CD, den letzten Grund ihres Glaubens, mit dessen Existenz er steht und fällt. wir wollen uns nicht damit zufrieden geben, daß das Judentum eine ganz andere Basis hat, daß bei uns weder der Stifter noch irgend ein Prophet so im Mittelpunkt der Ueberzeugungen und Hoffnungen steht, daß alles von ihm Licht und Schatten empfängt, Tatsache ist, daß wir kein Sonderdasein mehr führen im Bereiche der modernen Kultur; tausend Wege führen von jenem Lager zu dem unsrigen, tausend Kanäle verbinden die Geistesströme miteinander. verflacht dort das Leben, so spüren wir in unseren Reihen die Wirkungen. Bemächtigt sich ganz allgemein der Gemüter wieder eine größere Innerlichkeit, beginnt man aufs neue zu suchen nach einem festen Halt, nach bleibenden, ewigen werten, so können wir mit Sicherheit auch auf ein Wiedererwachen jüdischer Frömmigkeit, auf eine Renaissance des jüdisch-religiösen Bewußtseins rechnen. An der Vertiefung und Verinnerlichung des modernen Menschen gilt es auch für uns zu arbeiten, rastlos zu arbeiten in Schule und Haus, auf Kanzel und Katheder, in Vorträgen und in der Masse. Was uns die Zuversicht gibt, daß diese Arbeit nicht vergeblich sein wird, daß sie, wenn sie mit den erforderlichen Mitteln unternommen und durchgeführt wird, Früchte trägt, ist der moderne Mensch selber. Wir schätzen ihn höher ein, als daß wir annehmen könnten, fein Verlangen könne auf die Dauer gestillt werden durch Erwerben und Genießen, durch eine Steigerung und Befriedigung seiner materiellen Bedürfnisse, durch ein absichtliches Vorbeigehen an den letzten und höchsten Fragen des Seins und Sollens. Im Innern jedes Menschen schlummert sein j)flichtbewußtsein, das ihn hinaushebt über den Mechanismus des natürlichen Geschehens und ihn verbindet mit einer unsichtbaren Welt; im Innern jedes Menschen schlummert auch ein sogenanntes metaphysisches Bedürfnis, dem ein Dichter unseres Stammes einmal die Worte geliehen hat: „was bedeutet der Mensch? Woher ist er kommen? Wo geht er hin? Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?" Solche Stimmen können wohl eine Zeit lang übertönt werden, aber auf die Dauer lassen sie sich nicht zum Schweigen bringen, wir hoffen auf eine Zeit, wo man nicht mehr mit Heine glaubt ein Narr zu sein, wenn man auf diese Fragen die Antwort sucht, unser Streben und Mühen gilt einem Geschlecht, das bei aller freudigen Arbeit für die Verwirklichung von Kulturidealen doch ein lebendiges Gefühl dafür hat, daß diese Ideale selber aus einem Reiche des Ewigen und Unvergänglichen stammen. Damit wird aber in unseren Reihen auch wieder das Verständnis wachsen für den wert unserer religiösen Urkunden und die Bedeutung unserer einzigartigen Geschichte. Man wird in höherem Maße Ehrfurcht empfinden vor einem Buche, in dem das Ringen der Menschenseele nach Gott seinen klassischen Ausdruck gefunden hat, man wird wieder in füllen Stunden zu ihm greifen, um Belehrung und Anregung, Andacht und Erbauung daraus zu schöpfen.