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Liberales Judentum · 1910-05-01 · Heft 5 (Mai 1910) · p. Seite 117

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 5 (Mai 1910)
Date
1910-05-01
Page
Seite 117 (sequence 21)
Language
German
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Ar. David Phiiipson: Die Refsrmbrwegrrng im Judentum 117 das er fisch zurechtgemacht hat; dem wirklichen Judentum hat er unbewußt durch sein Buch die Lobrede gehalten. Zwei Seelen wohnen in Lhamberlains Brust, dieeine, die nach kantifcher Klarheit strebt, verwandt der indischen Art, und die andere, die in jenem romantischen Vorurteil befangen bleibt, daß die Persönlichkeit eine dunkelgründige Rassewirkung sei. Diese andere, sie ist bislang die stärkere in ihm. So kommt es, daß er, der vom Geschlechts der Mystiker zu sein glaubt, doch nur ein Gboftiker ist, oder um dasselbe noch anders auszudrücken: er meint Geheimnisse zu entdecken und sieht nur Gespenster. Oie Kekormdewegung im ^uäentum. Von Or. David Philipfon, überseht von Dr. Ilorden-€lberfeld. (Fortsetzung.) Solange der Rabbinismus die annehmbare Deutung des Judentums war, wurde das gesprochene Mort von der Menge nicht vermißt. Die Rabbiner erklärten die religiösen Gebräuche, welche das Lin und Alles des religiösen Lebens waren. Von dem Rabbiner wurde nicht erwartet, daß er ein Prediger sei, sondern ein Sachverständiger in kasuistischer Auslegung mit ihrem aus den Murzeln talmudischer Dialektik hervorgewachsenen tausendästigen Baum. Als aber das Leben etwas mehr zu bedeuten anfing, als der Rabbinismus in befriedigender weise zu erklären vermochte, als die beiden Kulturen in Widerstreit gerieten, die alte Kultur in Gestalt des Rabbinismus, welche nur für Ghettoverhältnisse, d. h. für ein auf sich selbst gestelltes und isoliertes Dasein geeignet war, und die neue, von dem zeitgenössischen Geschlecht angenommene, das aus der Abgeschlossenheit des Ghetto hervorgekommen war und an dem ausgedehnteren Leben mit seinen neuen Möglichkeiten teilnahm: da war es unvermeidlich, daß die alte Kultur den platz räumen mußte, sollten die Kinder der späteren Tage bei ihrer Gemeinschaft festgehalten werden. Die Religion mußte ihnen in verständlicher und annehmbarer Form erläutert werden; daher unter Anderem auch die Notwendigkeit der predigt in der Landessprache. Zusammen fassend können wir sagen: Jacobsons Anspruch auf den zeitlich ersten platz in der Geschichte der Reformbewegung im Judentum gründet sich auf seiner Mühe und seinem Erfolge, den Gottesdienst für viele unter seinen Zeitgenossen anziehend zu gestalten. Die wahre Bedeutung dieser ersten Bemühung für die Reform liegt in der Aufmerksamkeit, welche sie auf die Möglichkeit lenkte, dem Judentum einen der lebenden Generation sympathischen äußeren Ausdruck zu verleihen. Indessen darf dieser erste, mit Jacobsons Namen verknüpfte Versuch nur als der Vorläufer der wahren Reformbewegung angesehen werden, als deren Hauptperson Abraham Geiger zu gelten hat, und die auf der geschichtlichen und philosophischen Deutung der Grundlehren der Religion gegründet war. Die Zacobson'sche Bewegung verbreitete sich nicht über Westfalen hinaus, und selbst da dauerte sie nicht lange, denn mit dem Sturze Napoleons hörte Westfalen auf, eine französische Besitzung zu sein, und die französischen Einrichtungen, darunter das jüdische Konsistorium, wurden abgeschafft. Damit hörte jedoch Zacobsons Tätigkeit für die Reform der religiösen Gebräuche nicht auf. Bei den ersten Reformversuchen in der preußischen Hauptstadt, wohin er sich nach der Aufhebung des Konsistoriums in Kassel begab, werden wir ihm als einer hervorragenden Person wieder begegnen. 41) Das französische Synhedrin. wir müssen den Faden unserer Erzählung von der Entwickelung der Reformbewegung in Deutschland für kurze Zeit unterbrechen, um einen Blick auf die jüdischen Zustände im benachbarten Frankreich zu werfen. Die französischen Juden hatten durch den Erlaß der Nationalversammlung vom 27. September die bürgerliche Gleichberechtigung erlangt, während der folgenden fünfzehn Jahre nahmen die politischen Ereignisse die Franzosen so ganz in Anspruch, daß daneben alles Andere zur Bedeutungslosigkeit herabsank. Freilich gab es in den dortigen jüdischen Gemeinden auch keine inneren Aufregungen, die sich mit der Gärung unter den deutschen Juden hätte vergleichen lassen. Die neue Bildung, welche bei den Letzteren die unmittelbare Ursache des Mißvergnügens am Rabbinismus war, hatte sich bei ihren französischen Brüdern nicht geltend gemacht. Obgleich sie die bürgerliche Gleichberechtigung erlangt hatten und nach jeder Richtung hin französische Bürger waren, dauerten doch in religiöser 41) Das erste von einer jüdischen Gemeinde, nämlich der Hamburger Tempelgemeinde, gebrauchte Reform-Gebetbuch, 1819 herausgegeben, wurde Jacobson, als dem Vater der Reformbewegung, gewidmet.

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